Dokumentiert: „Die Zahlen müssen stimmen“ (Antje Meichsner)

Die Zahlen müssen stimmen

von Antje Meichsner 16.6.2016 Tageszeitung

In Sachsen gibt es immer mehr Abschiebungen. Rechtlich sind viele davon fragwürdig, für die Abgeschobenen kommen sie oft einer Katastrophe gleich.

»Am 25. Mai, um zwei Uhr nachts, sind über 20 Polizisten gekommen. Die haben meine kranke Frau nach Mazedonien abgeschoben und die drei kleinen Kinder«, erzählt Sami Bekir, Rom und Vater einer zehnköpfigen Riesaer Familie. Dabei sei über das Asylgesuch der Familie noch gar nicht abschließend entschieden worden.

»Wir werden die Abschiebezahlen weiter steigern«, tönte Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) im April, als ginge es um die Absatzziele eines Unternehmens. Und das, obwohl sich die Abschiebezahlen seit vergangenem Jahr schon mehr als verdoppelt haben. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte zuvor Bild zufolge in einem internen Bericht an das Kabinett Unzufriedenheit geäußert – ihm gehe die Abschiebung abgelehnter Asylsuchender in den Bundesländern zu langsam voran.

Allein in der vergangenen Woche wurden 262 Menschen per Chartermaschine aus Sachsen abgeschoben.

Im Gespräch mit der Jungle World berichtet Bekir von der Geschichte seiner Familie: Er und seine Frau Azbije Kamberovik seien in Jugoslawien geboren worden. Nach dem Zerfall des Staats in den neunziger Jahren habe Mazedonien Bekir die Staatsbürgerschaft verweigert. Er sei dadurch staatenlos geworden und gezwungen gewesen, in der Illegalität zu leben. Die Familie sei in Südosteuropa von Staat zu Staat abgeschoben und dabei mehrfach getrennt worden. In Bosnien sei sie Opfer eines Brandanschlags auf ihr Haus durch albanische Nachbarn geworden. Die Brandwunden der betroffenen Kinder seien damals nur notdürftig versorgt worden und müssten bis heute behandelt werden.

Die Familie sei 2009 nach Deutschland geflohen und habe hier auf ein friedliches Leben gehofft. Ihr Antrag auf Asyl wurde zunächst abgelehnt, seit ihrem Widerspruch erhielten sie lediglich eine immer wieder erneuerte Duldung – eine Situation in Perspektivlosigkeit, Stress und Angst. Bekir habe zeitweise auch arbeiten dürfen, die Kinder seien hier zur Schule gegangen. Die Mutter leide mittlerweile an einer ko­ronaren Herzkrankheit und schweren Depressionen.

Doch dann wurden Azbije Kamberovik und ihre drei jüngsten Kinder ab­geschoben. Die Polizei trennte die Familie. »Schieben Sie uns alle komplett ab?« habe Bekir die Polizisten gefragt. »Nur deine Frau und die drei kleinen Kinder«, habe man ihm geantwortet.

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