Ústí nad Labem 31.7.[1945] „The same procedure like every year…“

Ústí nad Labem 31.7.[1945] „The same procedure like every year…“

Wie bereits seit ein paar Jahren dürfte sich momentan folgendes Szenario auf der Benešův most (Beneschbrücke) in Ústí nad Labem (früher Aussig an der Elbe) abspielen: Zunächst werden betagte Leute an der Gedenktafel für die „Opfer der Gewalt vom 31.7.1945“ Blumenkränze niederlegen, um anschließend in einer Kirche ein Gebet abzuhalten. Ca. eine halbe Stunde später werden Neonazis vor allem aus der Bundesrepublik D an selbe Stelle treten, um in revisionisitscher Art und Weise Geschichtsklitterung zu betreiben.

Gedenktafel 2005

Wie im Veranstaltungskalender des Heimatkreisverbandes Leitmeritz (heute Litoměřice) e.V. Fulda (sic!) zu ersehen ist, hat dieser Termin einen großen Stellenwert für die ehemalige deutschsprachige Bevölkerung, welche nach 1945 den Staat verlassen musste, der heute Tschechische Republik/Tschechien heißt.

So liest mensch auf deren Internetseite Folgendes:

Gedenkfeier auf der Aussiger Brücke

Am Mittwoch, 31. Juli 2013, werden die deutsche Gruppe in Aussig und angereiste Deutsche und auch Tschechen zu einer Gedenkfeier auf die Aussiger Brücke gehen. Blumen werden in die Elbe gestreut zum Gedenken der vielen Deutschen, die auf der Brücke 1945 zu Tode kamen.Anschließend gibt es einen kleinen Imbiss im Pfarrheim und um 18.00 Uhr einen Gedenkgottesdienst in der Aussiger Stadtkirche. Wir laden alle dazu ein, die sich zu dieser Zeit im Elbetal befinden.

Auskunft: Brigitta G[…], Telefon: 02351/51[…]
Quelle: http://www.heimatkreisverband-leitmeritz.de/blog/?page_id=57, Zugriff am 31.7.2013 15:08 Uhr.

Und auch die „Sudetendeutschen Landsmannschaft“ unter Vorsitz von MdEP Bernd Posselt [übrigens 1956 geboren und somit Bundesbürger und nicht „Sudetendeutscher“) veröffentlichte den Aufruf der „Leitmeritzer“ auf ihrer Homepage http://www.sudeten.de unter „Termine“.

Was dieses ganze Szenario um so bemerkenswerter macht, ist die Art und Weise, wie mit diesem Erinnerungsort umgegangen wird. Zunächst wird – wie auf einem Video im Internet zu ersehen ist – Folgendes beklagt:

Vom Rathaus ist niemand gekommen, kein Politiker, kein Journalist, nur ehrenhafte Menschen von beiden Ländern, die böhmische Deutsche, die in Deutschland, Aussig und Umgebung leben. (Grammatik im Original)

Quelle:  http://www.youtube.com/watch?v=FyCopAvpb4o  Zugriff 31.7.2013 15:18 Uhr

Mensch dürfte gespannt sein. ob sich vielleicht in naher Zukunft etwas an der Art und Weise ändert, damit ein ernst gemeinter Dialog getragen von Respekt und der Gleichwertigkeit von Menschen erreicht werden kann. Ohne die Verbrechen der Täter_innen, welche auf bestialische Art ca. 60 (deutschsprechende) Menschen an jenem Tag in den Fluss Elbe stürzten, zu rechtfertigen, sei gerade nämlich auch an diesem Tag mahnend erwähnt, dass bevor die „Gewalt von Aussig“ stattfand, immerhin ca. sechs Millionen jüdische Menschen in der Konzentrationslager des NS Systems, ca. 500°000 Sinti und Roma (davon allein ca. 6°500 allein aus dem hier betreffenden Gebiet „Nordböhmen“), Menschen wie die Zeugen Jehovas, welche sich aus religiösen Gründen weigerten für die faschistische Wehrmacht mit der Waffe zu kämpfen und abertausende homosexuelle Menschen, die allein aufgrund ihrer Lebensweise verfolgt, diskriminiert und schlussenendlich sprichwörtlich „ausgerottet“ wurden, ihr Leben verloren. Dieser Aspekt sollte gerade auch unter dem Gesichtpunkt betrachtet werden keine Opferzahlen gegeneinander auszuspielen. In Punkto „Vertreibung“ der deutschsprachigen Bevölkerung der böhmischen Länder sollte auch nicht vergessen werden, dass 1. die Beschlüsse des Potsdamer Abkommens und die darauf folgenden Benesch Beschlüsse nachwievor Rechtsgültigkeit besitzen 2. den Vertreibungen der „Deutschen“ massenweise Verschiebungen von Menschen im Einsatzgebiet der deutschen Wehrmacht in „Osteuropa“ vorausgingen und 3. zehntausende verschleppte Arbeitssklaven aus Polen und dem damaligen Teil Böhmens (Protektorat Böhmen und Mähren) im „Altreich“ Zwangsarbeit in der deutschen Rüstungsindustrie  leisten mussten und regelrecht „totgearbeitet“ wurden.

Was bei diesem Spektakel natürlich auch nicht fehlen darf sind Stellungnahmen von verschwörungstheoretisch angehauchten Internetblogs wie z.B. „morbus ignorantia“, welche wider besseren Wissens für die Gewalt vom 31.7.1945 Opferzahlen von über 2°000 Getöteten fabulieren. (Quelle: https://morbusignorantia.wordpress.com/2013/07/31/massenmord-in-aussig/ Zugriff am 31.7.2013 16:44 Uhr)

Hinzuweisen ist desweiteren auf den Regierungsbeschluss Nr. 1081 vom 24. 8. 2005, welcher – liest mensch diesen konsequent – auf Aussöhnung ausgelegt ist und folglich dem Beschluss der Regierung vom 21. Mai 2008 zur „Pflege des Kulturerbes in den böhmischen Ländern“ vorangeht. (Quelle: http://www.collegiumbohemicum.cz/de/clanek/82-die-tschechische-regierung-will-sich-an-der-pflege-des-kulturerbes-von-deutschen-in-den-bohmischen-landern-beteiligen/ )

[…]

Eine Ergänzung dieses Textes wird nachgereicht- momentan fehlt die Zeit.

Gedenktafel 1994

Gedenktafel auf der E. Beneš Brücke in Ústí nad Labem

Weiterführende Literatur:

– „Sinti und Roma im „Dritten Reich“ : das Programm der Vernichtung durch Arbeit“ von Romani Rose,  Walter Weiss, hrsg. vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, Göttingen, Verlag Lamuv, 1991.

– „Die Konferenz von Potsdam und das Massaker von Aussig am 31. Juli 1945 : Untersuchung und Dokumentation“ von Otfried Pustejovsky, München, Verlag Herbig, 2001.

– „Ein Nachkriegs-Verbrechen : Aussig 31. Juli 1945“ von Jan Havel, Vladimír Kaiser, Otfrid Pustejovsky, Ústí nad Labem, Verlag Albis International, 2005.

– „Schlesien bleibt unser!- Vertriebenenverbände und die extreme Rechte“ von Jörg Kronauer, Münster, Verlag Unrast, 2011.

– „Volksburg Wolfswagen : 75 Jahre „Stadt des KdF-Wagen“, Wolfsburg“ hrsg. von Stephan Krull, Hannover, Verlag Ossietzky, 2013.

Lesbare Internetressourcen:

http://bohemistik.de/aussig5main.html (Zugriff am 31.7.2013 17:06 Uhr)

http://www.nachbarnkennen.eu/politik/item/aussig-an-der-elbe-am-31-juli-1945 (Zugriff am 1.8.2013 13:45 Uhr)

Bilder von der Einweihung 2005:

http://www.usti-nl.cz/de/fur-touristen/fotogalerie/veranstaltungen/gedenktafel-fur-die-opfer-der-gewalt-31-7-1945.html Zugriff am 31.7.2013 17:07 Uhr.

Kritisch zu betrachten:

http://www.sudetenbote.com/2009.10.01_arch.html Zugriff am 31.7.2013 17:12 Uhr.

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