Demonstration der DSSS in Chanov (7.4.2012)

Bei sonnigem aber stürmischem Wetter hatten sich an jenem Samstag nur rund 50 Naziboneheads eingefunden um ihren menschenverachtenden Rassismus auf die Straße zu bringen. Die wohl einleuchtendste Erklärung für diese geringe Teilnehmer_innenzahl ist die späte Mobilisierung für den geplanten Marsch vom Bahnhof Most in Richtung der Neubausiedlung in Chanov durch die tschechische Neonazist_innenpartei DSSS1. Diese hatte erst Anfang April, also knapp eine Woche vor dem Aufmarsch, im Internet zur Teilnahme aufgerufen. Im Vorfeld brachten fast 300 Unterstützer_innen ihre Zustimmung auf dem facebook Account des Mitorganisators Petr Kotáb zum Ausdruck. Dieser war u.a. auch am 15.10.2011 in Ústí nad Labem zugegen, um mit dem Transparent „Stoppt schwarzen Rassismus“ Stimmung gegen die Minderheit der Roma zu machen.

Anlass für den Marsch nach Chanov ist ein bisher ungeklärter Vorfall, bei dem laut Česká Televize2 (Tschechisches Fernsehen) ein Polizist durch einen fremdverursachten Sturz aus dem zweiten Stock eines Hochhauses verletzt worden ist. Dieses Vorkommnis verwendeten die Neonazist_innen sogleich für das Motto ihres Aufmarschs: „Marsch gegen Kriminalität, schwarzen Rassismus und das aus dem Fenster schmeißen von Polizisten“, welches hätte dümmlicher nicht ausfallen können. Wieder einmal wurde versucht, einen vermeintlichen „schwarzen Rassismus“ herbei zu halluzinieren, der in Anbetracht der tagtäglichen (auch strukturellen) Diskriminierung der Roma in Tschechien grotesk wirkt. Erst am 21.3.2012 hatte der s.g. Helsinki-Ausschuss in seinem Bericht vor dem Rassismus gegen Roma in Tschechien gewarnt und den ungenügenden Zugang von Romakindern zu Bildung sowie den Mangel an Sozialwohnungen für die Ärmsten der Gesellschaft kritisiert.3 Dass sich an jenem Samstag von dieser Argumentation nicht so viele „slušní lidé“4 (anständige Leute) haben anstecken lassen, grenzt fast an ein Wunder. Wahrscheinlich lag das Ausbleiben einer größeren Bevölkerungsbeteiligung auch an dem zu begehenden Osterfest. Bereits beim dreizehnten Marsch der „anständigen Leute“ am 31.3.2012 in Varnsdorf war ein merklicher Rückgang im Vergleich zu den ansonsten gut besuchten Anti-Roma-Demonstrationen im Herbst 2011 zu verzeichnen.5

Nichtsdestotrotz hatten es sich an jenem Vormittag bereits knapp 200 Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Zusammenhängen im Romakulturhaus der Siedlung in Chanov zur Aufgabe gemacht, den angemeldeten Aufmarsch nicht einfach zu ignorieren. Zunächst wurden mit den Kindern sehr einfallsreiche Transparente und Schilder gemalt und Luftballons im gesamten Viertel in Sichtweite der Neonazis aufgehängt: „Wir wollen Arbeit“, „Wir wohnen hier!“ „Kein Rassismus“ „Nazis raus!“ (in deutsch) „black and white unite!“ (Černy, bíly, spojme síly!) und „Nazis von der Straße!“. Besonders witzig war ein Schild, auf dem stand: „Ich bin weiß, gebt mir Arbeit!“, das ein Romavertreter vergeblich versuchte an Student_innen weiterzugeben. Es folgten die Ostermesse eines evangelischen Jugendpfarrers aus Prag sowie die Rede eines katholischen und eines griechisch-orthodoxen Pfarrers. Das Sprechen des „Vater unser“ wirkte auf alle Anwesenden beschwörend: „Wir lassen uns hier nicht verdrängen“.

Gegen 13:30 Uhr war es dann schließlich soweit. Die ca. 50 Neonazist_innen kamen der Siedlung bedrohlich nahe und konnten letztendlich mit loser Polizeibegleitung durch Chanov an ihren gewünschten Kundgebungsort am anderen Ende der Siedlung gelangen. Das Bild jedoch, das sie dabei ablieferten, wurde um so erbärmlicher, je genauer man hinsah. Springerbestiefelte Bomberjackenträger_innen erinnerten an die 1990er Jahre, in denen man Neonazist_innen bedingt durch ausbleibende Mimikry noch an der fehlenden Frisur erkennen konnte. Zwischen DSSS Fahnen schwingenden Leuten war auch die allseits bekannte Lucie Šlegrová, welche eine Art weibliche Identifikationsfigur der tschechischen Neonazist_innen darstellt. Nachdem schließlich dieser abstrus wirkende Gespensterzug aus DSSS-Mitgliedern und einzelnen Leuten des „Nationalen Widerstands“ (narodní odpor) an einem vorbeigezogen war und man in die Gesichter der anderen Anwesenden blickte, war relativ klar, dass man die nächsten 30 Minuten nicht mehr aus dem Schmunzeln herauskommen würde. Die anwesenden Protestierenden – darunter Menschen verschiedener Religionen, Berufszweige, Staatsangehörigkeiten, politischer Parteien, Nichtregierungsorganisationen, Transgender sowie Hunde allen Alters – begannen nun auch untereinander über diesen „Marsch“ zu diskutieren. An dem Wohnblock, an dem die Organisation „Hass ist keine Lösung“ („Nenávist není řešení“) ihr Transparent aufgehangen hatte, versammelten sich die Leute nicht nur, um von der dort aufgebauten Musikanlage unterhalten zu werden. Die ganze Zeit über sprachen die Leute miteinander, um unter anderem über die Gründe des Hasses auf die Roma zu diskutieren. Sehr beeindruckend war dabei ein Handwerker, der in Malerkluft mit seinen Roma-Kollegen darüber diskutierte, die Verwendung des Wortes „Zigeuners“ zu unterlassen, da dies Teil der rassistischen Logik sei. Soviel reflektiertes Denken würde sich der Autor in der Gesellschaft dies- und jenseits des Erzgebirges wünschen. Überdies scheinen einige DSSS-Anhänger_innen nicht über das eigene Weltbild zu reflektieren, was der Diebstahl eines Klassikers der Gegenprotestierenden: „Gebt mir Arbeit!“ verdeutlicht.

Von Anfang an war übrigens ein_e Reporter_in von Český rozhlas (Tschechischer Rundfunk) und ein weiteres vermutlich studentisches Filmteam bei den Gegenprotestierenden anwesend. Der Fernsehsender ČT 4 kam erst an den Protestort, als klar war, wann die DSSS beginnen würde. Bezeichnenderweise war im Demonstrationszug der Neonazist_innen ein_e Reporter_in der „Zeitung“ Blesk (zu deutsch Blitz, vergleichbar mit der BILD „Zeitung“), welche_r merkwürdigerweise mit verschiedenen Ablichtungsgeräten arbeitete. Über vermeintliche ANTI Antifa Arbeit kann man hier nur mutmaßen.

Festzuhalten bleibt, dass unter den Gegendemonstrant_innen die ganze Zeit trotz starken Windes gute Stimmung herrschte, was sicherlich auch an den tollen Hip Hop Liedern von „Gypsy.cz“ („Romano Hip Hop“) lag. Der ganze Spuk war schließlich gegen 15 Uhr zu Ende und die tschechische Polizei darf sich wieder mal die Frage stellen lassen, womit ein Großaufgebot an Mitarbeiter_innen des Antikonfliktteams, welche lediglich für Verunsicherung und Panik sorgen sowie die Anwesenheit der Kriminalpolizei (sic!) zu rechtfertigen ist.

Zwar muss man zusammenfassend festhalten, dass es den Neonazist_innen möglich war, nahezu ungehindert durch das Viertel in Chanov zu ziehen. Da sich das Singen von Hassliedern in Begleitung durch eine Akustikgitarre und die zunächst abgelesenen Redebeiträge jedoch vor zu zwei Dritteln leerstehenden Häusern abspielten, dürfte relativ klar sein, dass die Außenwirkung gegen Null tendierte. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass sich zwei Tage nach dem Marsch der DSSS nach Chanov lokale Roma Vertreter_innen bei den Mitinitiatoren von „Hass ist keine Lösung“ ausdrücklich für deren Unterstützung bedankten und anmerkten, dass es ohne diese nicht möglich gewesen wäre, den Neonazist_innen so geschlossen entgegen zu treten. Das gibt einerseits Kraft für die nächsten Aktionen, auf der anderen Seite zeigt es jedoch auch, dass die Bündnisarbeit in verschiedenen Spektren notwendiger ist denn je und dass es bezüglich der Sensibilisierung der Gesellschaft in Bezug auf Rassismus noch eine Menge zu tun gibt.

Text: Michael

(1) Delickna strana socialni spravedlnosti/ Arbeiterpartei für soziale Gerechtigkeit.

(4) Diese Bezeichnung wird in tschechischen Medien häufig für die an den Demonstrationen gegen Roma teilnehmende Mehrheitsbevölkerung verwendet.

(5) http://jule.linxxnet.de/index.php/2012/04/burgerinnen-und-nazis-gegen-roma-in-tschechien/ Zugriff am 7.4.2012, 19:30 Uhr.

Weiterführend sei hier noch die Medienberichterstattung kurz zusammengetragen (unvollständig):

Im Vorfeld wurde durch die „Zeitung“ Blesk die Stimmung angeheizt, indem Bilder von Chanov veröffentlicht wurden, die ein einseitiges und negativ konnotiertes Bild der Bewohner_innen zeichneten. Leider ist durch eine ungenaue Datumsangabe auf der Homepage nicht mehr nachzuvollziehen, wann dieser Fotoreport genau eingestellt wurde. Das neue Einstelldatum ist nun der 7.4.2012 15 Uhr, also ein Tag nach den Ereignissen. Der Autor dieses Textes meint sich jedoch zu erinnern, dass dieser Bericht bereits ab dem 4.4.2012 im Internet zugänglich war:

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