Dokumentiert: Tod an Stanislav Tomáš / Roma Lives Matter (Roma Antidiscrimination Network

Wie folgt dokumentieren wir die Stellungnahme des Roma Antidiscrimination Network zum Tod von Stanislav Tomáš:

„Der tschechische Rom Stanislav Tomáš ist am 19. Juni 2021 in Teplice gestorben, nachdem ein tschechischer Polizist sechs Minuten lang auf seinem Nacken gekniet hatte. Das Video ging viral und hat Roma europaweit zum Protest gebracht. Sie protestierten in Tschechien gegen Polizeigewalt. Sie reisten aus anderen Ländern an, um sich dem Protest anzuschließen. Stanislavs Schwester, begleitet von einem Priester, äußerte sich und legte Blumen nieder. Die tschechischen Roma sind wütend und gehen auf die Straße. In New York, Berlin, Brüssel, Glasgow, Wien und vielen weiteren Orten fordern Roma Gerechtigkeit für Stanislav.

Wenige Tage nachdem Stanislav Tomáš in Folge von Polizeigewalt gestorben ist, wird der Mörder von George Floyd zu 22,5 Jahren Haft verurteilt. Dieses Urteil ist nur möglich gewesen, weil die Black Lives Matter Bewegung die alltägliche Polizeigewalt und deren Straflosigkeit nicht mehr hingenommen hat und sich dagegen gewehrt hat.

In Tschechien wird die Polizei vom Innenminister für ihre gute Arbeit gelobt. Nachdem der Europarat eine „unabhängige Untersuchung“ gefordert hat, sagte der tschechische Präsident, er habe keinen Grund, an den Ergebnissen der internen Untersuchung zu zweifeln, die das Verhalten der Polizisten für korrekt hält. Er fordert den Europarat auf, sich mit etwas anderem zu beschäftigen. Auch der tschechische Premierminister bekundete seine Unterstützung für die involvierten Polizisten.

Roma sind noch immer vogelfrei. Gewalt gegen sie wird nicht bestraft, sondern sogar gelobt. Reflexartig behauptete die tschechische Polizei, Stanislav Tomáš sei auf Drogen gewesen. Aussage: selber Schuld. Eine Autopsie gibt fadenscheinige Begründungen für Tomášs Tod. Es gibt widersprüchliche Aussagen seitens der Polizei zum Todeszeitpunkt. Die tschechische Polizei und andere Behörden leugnen Fehlverhalten. Die Medien schweigen oder lassen auch in Deutschland eine weiße Tschechin ihren Artikel schreiben, in dem sie versucht, den Toten zu kriminalisieren und ihm selbst die Schuld an seinem Tod zu geben. Dass Roma selbst schuld seien an ihrer Verfolgung, ist ein ganz altes Narrativ.

Der Widerstand und die Bürgerrechtsbewegung, die nach dem Mord an George Floyd entstanden sind, haben eine weltweite Bewegung ausgelöst: Black Lives Matter. Neben dem Widerstand schwarzer Menschen gab es die Solidarität vieler. Es gab Solidarität seitens der Medien, der Politik, der Öffentlichkeit. Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa.

Stanislav Tomáš war nicht der erste Rom, der durch Polizeigewalt gestorben ist, und wird auch nicht der letzte gewesen sein. Es gibt eine lange Liste an tödlichen Vorfällen. Rassistische Polizeigewalt ist kein Einzelfall. Sie ist Teil des institutionalisierten Rassismus. Die Polizei spielte über 250 Jahre eine wesentliche Rolle bei der Erfassung und Verfolgung der Roma in Deutschland, die in der Vernichtung der europäischen Roma gipfelte. Obwohl rechtswidrig, kommt es auch heute noch zu Fällen ethnischer Erfassung durch Polizei. Dass es in diesem System der Kriminalisierung immer wieder zu Gewaltexzessen seitens der Polizei kommt, liegt auf der Hand.

Polizeigewalt gegen Roma ist in ganz Europa alltägliche Realität. Roma werden geschlagen und gefoltert. Roma-Kinder werden misshandelt und willkürlich verhaftet. Selbst wenn Roma die Polizei rufen oder eine Straftat anzeigen, müssen sie damit rechnen, misshandelt oder kriminalisiert zu werden.

Die etablierten Roma-Repräsentanten, Politiker und Organisationen stehen in Abhängigkeit zu den Regierungen und sind daher schwach in ihrer Arbeit gegen institutionellen und strukturellen Rassismus. Von ihnen ist nicht viel zu erwarten wie die letzten 30 Jahre gezeigt haben. Die Situation der Roma hat sich immer weiter verschlechtert. Gleichzeitig gibt es nicht genug Unterstützung und Solidarität von der Mehrheitsgesellschaft, von der Politik, von den Medien.

Es ist endlich an der Zeit, Black Lives Matter zum Vorbild zu nehmen und ROMA LIVES MATTER zu fordern. Es reicht nicht, wenn Roma demonstrieren. Es braucht die Solidarität aller Menschen gegen die Verletzung von Menschenrechten.

  • Wir fordern eine unabhängige Untersuchung des Todes von Stanislav Tomáš!
  • Wir fordern politische und rechtliche Konsequenzen für diese tödliche Polizeigewalt!
  • Wir fordern Gerechtigkeit für alle Roma, die durch Polizeigewalt gestorben sind!
  • Wir fordern Solidarität!

#StanislavTomas #RomaLivesMatter #nojusticenopeace

Weitere Infos:

Amnesty International bezeichnet das Verhalten der Polizei gegen Stanislav Tomáš als brutal und ungesetzlich.
Balkan Insight: ‘Czech Floyd’ Illustrates Struggles of Roma Lives Matter

Quelle: https://ran.eu.com/nach-dem-tod-von-stanislav-tomas-wir-fordern-solidaritat-und-konsequenzen-gegen-todliche-polizeigewalt/

Radio Prag dazu: https://deutsch.radio.cz/parallelen-zum-fall-floyd-tod-eines-roma-angehoerigen-nach-polizeieinsatz-8721246

Sehr guter kritischer Beitrag zur medialen Verzerrung in D: https://www.migazin.de/2021/06/28/wie-presse-rom-luft-atmen/

Michael_a von Ecole Ústí

2 Kommentare

  1. Der Artikel von Alexandra Mostyn auf den sich hier bezogen wird („weiße Tschechin“) ist ausgesprochen differenziert und spricht auch die Diskriminierung der Romaminderheit durch die Mehrheitsgesellschaft an. Wenn Sie ihn nicht selbst verlinkt hätten, hätte ich ihn als Kommentar gepostet.

    1. Vielen Dank für Ihren Beitrag. Nachwievor ziehen wir als Redaktion des Blog jedoch die Betroffenenperspektive vor und schließen uns eher den Betrachtungen von Isidora Randjelović an als jemenschen der keinerlei Rassismuserfahrung hat. Das mag für manche_n einseitig klingen, wir können jedoch ganz gut damit leben. Opre Roma!

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