Cesta ven – Ein Film über die Exklusion tschechischer Roma ohne Ethnifizierung und Klischees

Angesichts der letztjährigen Pogromserie und einer fortgesetzt äußerst virulenten gesamtgesellschaftlichen Romafeindschaft gibt es in Tschechien nur wenige kritische Medienproduktionen zu diesem Thema. Abgesehen von der dominierenden Masse an Berichten und TV-Formaten, die aktiv eine Anti-Roma-Haltung transportieren, sind die wenigen halbweggutgemeinten Darstellungen oft nur karikierend, regelmäßig Stereotype und Vorurteile reproduzierend.

Nachdem ich mich zuletzt an der in meinen Augen wenig hilfreichen ethnifizierenden, exotistischen Herangehensweise des Fernsehdokumentarfilms Gadžo von Tomáš Kratochvíl stark gestoßen habe, gibt es nun mit dem Kinfofilm Cesta ven (übersetzt etwa Der Weg hinaus) ein hervorragendes Gegenbeispiel. Der Regisseur Petr Václav, der sich bereits vor über 10 Jahren mit dem Thema beschäftigt hatte, kehrte nun, beeindruckt von den Ereignissen im vergangenen Jahr, zu diesem Gegenstand zurück. Der Film ist deshalb auch als ein bewusstes politisches Statement und als Beitrag zur aktuellen Debatte zu verstehen.

Das in meinen Augen vielleicht größte Verdienst besteht allein schon darin, dass es vornherein gar nicht um Roma als solche geht. Weder in den Filmankündigungen, dem Trailer oder auf Plakaten wurde dies erstrangig thematisiert.

Auch im Laufe des Films wird nicht das Roma-Sein oder gar deren ethnische Besonderheit in den Blick genommen. Der Zuschauer sieht eine junge Mutter und die von Armut geprägten Verhältnisse in der ökonomisch darniederliegenden Region rund um das osttschechische Ostrava. Die Sorgen um die Tochter und den immer wieder arbeitslosen Ehemann, der sich auf dubiose Geschäfte einlässt, führen zum Ausbruchsversuch der Mutter. Dabei stößt diese jedoch unvermeidlich auf die gesellschaftlichen Exklusionsschranken. Fast ließe sich behaupten, dass der Film Ethnizität tatsächlich erst im Moment der Diskriminierung entstehen lässt. Die spezifisch, wenn man so will, romakulturellen Einsprengsel werden kaum, wie das sonst sehr häufig geschieht, überbetont, und selten wird der Eindruck einer Romantisierung eines Lebensstils geweckt, der nicht den sozialen Verhältnissen geschuldet ist.

Der Kontrast dazu lässt den Zynismus des Gadžo-Films umso deutlicher erscheinen. Während Kratochvíl in Gadžo die Roma zu Eigentherapiezwecken aufsucht und von diesen dann auch gelernt haben will, in der Gegenwart (nicht in der Vergangenheit oder der Zukunft) zu leben, können die ProtagonistInnen in Cesta ven aufgrund ihrer ökonomischen Situation gar nicht anders als von Tag zu Tag zu leben.
Wo Kratochvíl den Roma unterstellt, sie wären eben ein bisschen emotionaler als „wir“, zeigt Cesta ven feiernde, introvertierte, verängstigte, lethargische Menschen oder auch ganz unverblümt verzweifelte Ausraster, die meist aus den jeweiligen Umständen erklärbar sind, jedenfalls aber ein völlig individuelles Verhalten markieren.
An bösartiger Emotion unübertroffen sind viel eher die (meisten) Weißen, die in dem Film auftreten, wenn sie sich in Herrenmenschenart gegenüber Roma gebärden und diese demütigen.

Ökonomischer Ausschluss und rassistische Diskriminierung gehen hier Hand in Hand.
Dies wird an modellhaften Fällen vorgeführt, was etwas gewollt wirkende Szenenfolgen erzeugt (wie das auch Antonín Tesař in A2  kritisiert). Allerdings wirkt gerade durch diese Szenenverdichtung das Netz der sich vielfach auch ergänzenden Ausschlussmechanismen im Alltag erst richtig plastisch und auch keineswegs abwegig. So gibt es einen Bus, der nicht anhält, einen Türsteher, der nicht einlässt, die Dame vom Amt, die kein Einsehen hat und den Hausmeister, der seine Macht zu demonstrativen Demütigungen ausnutzt. 

Gerade an jenem Bus, der eigentlich nur kurz eine Rolle spielt, wird die benachteiligende Gesamtkonstellation in mehrfacher Hinsicht deutlich.
Zunächst verkörpert er geradezu die räumliche und kommunikative Exklusion der Roma. Denn nur mittels Bus gelangen die Kinder in die Schule und die Erwachsenen zur Arbeit oder zu den Ämtern. Fährt der Busfahrer einfach weiter, aus offenkundig rassistischer Motivation, so ist die einzige Zugangsmöglichkeit zu Bildung, Arbeit und sozialen Einrichtungen abgeschnitten. Die Resignation und Ohnmacht ist in der Szene mit Händen zu greifen. Wenn dann noch das Guthaben auf dem Prepaid-Handy erschöpft ist, erscheint der Graben zwischen den Ausgeschlossenen und der Mehrheitsgesellschaft schier unüberwindbar.

Und auch hieran lässt sich wieder der Unterschied zuGadžo-Filmfestmachen. Dort weiß zwar derjenige Zuschauer, der sich in Ústí nad Labem auskennt, dass sich die lokale Roma-Siedlung weit abgelegen vom Stadtzentrum befindet, in der isolierten Perspektive des Films ist dies jedoch fast gar nicht zu bemerken.
Noch eine ganz andere Dimension der Diskriminierung wird überdiessichtbar als der Bus dann doch einmal anhält und die – überwiegend jugendliche – Gruppe pöbelnd einsteigt. Eine Pöbelei gegenüber der Busfahrerin, wie sie entweder aus der vorangegangenen Ablehnung erklärbar ist oder auch einfach in jugendlichen Gruppen vorkommen mag und generell sicher zu verurteilen ist, kann für Roma infolge des allgemeinen rassistischen Denkschemas sofort ganz gruppenbezogen essentialistisch interpretiert werden. Die Hauptdarstellerin leistet, wenn man es etwas überspitzt betrachtet, diesem Schema Folge, indem sie die Truppe zu anständigem Benehmen aufruft. Ihr Handeln ist scheinbar ein erwachsenes, vernünftiges, es ist aber auch zugleich der Hinweis darauf, dass Roma nicht dieselbe Verhaltensweise zugestanden wird. Roma können nur durch besonders konformes und „anständiges“ Verhalten rassistischer Zuschreibung entgehen.

Vielleicht etwas holzschnittartig gezeichnet, aber ebenfalls klar vor den sozio-ökonomischen Hintergrund gestellt sind die, sonst oft als Vorurteile und Vorwürfe präsentierten Felder der Kriminalität, des Drogenkonsums und der Prostitution.

Am Ende geht es nicht um dieFrage, wieviel Schuld etwa die Roma und wieviel die Nicht-Roma an der gegenwärtigen Situation haben – In Gadžo fungiert dies als Leitmotiv. Stattdessen ist es, ungeachtet der individuellen Versuche, die die Protagonistin unternimmt, geradezu unumgänglich hier die Klassengesellschaft und einen damit eng verbundenen Rassismus als entscheidende Faktoren zu erkennen. Ökonomische Verhältnisse und nicht eine Ethnie in den Vordergrund zu stellen, das gelingt Cesta ven in eindrucksvoller Weise.

by kapturak

 

Advertisements

ein Kommentar

  1. Hier noch ein Interview mit Kratochvíl vom 29.10.2015
    „Die Tschechen sind krank vor Rassismus und die Regierung baut Konzentrationslager“

    http://video.aktualne.cz/dvtv/cesi-jsou-nemocni-rasismem-a-vlada-stavi-koncentraky-jako-je/r~d626e9d27cc911e5b605002590604f2e/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s