„…der letzte, der nach Pérák fragte, war die GESTAPO…“

In Tschechien erregt derzeit ein Kurzfilm die Öffentlichkeit, welcher sich auf die historisch fiktive Person Pérák aus der Zeit des Protektorats Böhmen und Mähren bezieht. Die se wurde damals zum Wunschhelden der tschechischen Bevölkerung im Kampf gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft.

„Pérák“ wurde bereits 1946 auch im Animationsfilm als Figur aufgegriffen und setzt sich bspw. in einem 13 minütigen Kurzanimationsfilm gegen die NS-Herrschaft im besetzten „Protektorat Böhmen und Mähren“ zur Wehr.

„Pérák a SS“ (Jiří Brdečka, Jiří Trnka), Československo, 1946, 13 min


Pérák ist auch der Name des ersten nach dem Zweiten Weltkrieg in der entstehenden Tschechoslowakei gebauten Zweitakteinzylindermotorrads mit Geradewegfederung namens Jawa 250 Typ 11. Die Geschichte der Entstehung dieses Motorrades würde bereits Seiten füllen. Als Prototyp 1944 im Geheimen von Jawaingenieuren entwickelt, wurden erste Testfahrten mit DKW (deutscher Motorradhersteller) Emblem, Wehrmacht Registrierungsnummer und graugrüner Lackierung während des Weltkriegs durchgeführt – ganz im Stile von Jaroslav Hašeks Romanfigur des braven Soldaten Schwejk, welcher in schelmischer Art stets die Herrschenden vorführte und somit deren Macht in Frage stellte.


Und was sagt der neue Pérák?


Im Video ist zu sehen, wie sich Aktivist_innen Zutritt zur Schweinemastanlage in Lety verschaffen, um die Wände der dort befindlichen Gebäude mit roter Farbe und Silhouetten von Menschen zu verzieren – Blut und Ermordete aus dem s.g. Z[…]lager Lety. Angeblich sollen bei dieser Aktion auch Gebäude der unweit der Mastanlage befindlichen Gedenkstätte beschädigt worden sein. Die Polizei ermittelt wohl bereits. Am Ende sieht man, wie sich die Aktivist_innen im Letná Park in Prag mit Bengalos auf das Metronom stellen. Von 1955 bis 1962 stand an dieser Stelle das Stalin-Denkmal, das während der Zeit des Realsozialismus als Auflaufort von Paraden genutzt wurde.


Auf den Plakaten, die im Video zu sehen sind und die in verschiedenen tschechischen Städten verbreitet wurden, steht Folgendes (Danke an den_die anonyme_n Übersetzer_in!):

„Ihr kennt mich wahrscheinlich nicht, doch dafür kann ich mich wiederum sehr
gut an einige von euren Vorfahren erinnern. Besonders daran, wie sie sich im
Krieg solange vor den Nazis verbeugten, bis sie selber welche wurden,
während ich mir den Arsch aufriss, um möglichst viele von ihnen umzulegen.
Bis heute wird mir schlecht bei der Erinnerung an alle die schleimigen
tschechischen Faschisten, die rückgratlosen Beamten, die Gendarmen und
Aufseher, die sich ein eigenes KZ in Lety einrichteten, in das sie mehr als
tausend Menschen steckten, nur weil sie Roma waren. Und wen sie nicht dort
sterben ließen, den schickten sie in den Tod von Auschwitz. Die Gräuel von
Auschwitz stinken bis heute in Lety – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes:
an seinem Ort steht heute eine Großschweinemast. Würdet ihr Mist in
Theresienstadt oder Exkremente in Lidice abladen?
Ich kehre zurück, weil mir übel davon ist.

Ich kehre zurück, um mir euch unter die Lupe zu nehmen – so wie damals, als
ich mir auf der Letná zum ersten Mal den Schlaf aus den Augen gerieben habe.
Ich kehre zurück und weiß, dass ihr das wisst. Plakate in Theresienstadt,
Prag und Brno habe mir gesagt, dass sie euch gesehen haben.
Ich kehre zurück und meine ersten Schritte führten nach Lety die
Schweinemast zu „ehren“ –
diese schäbige Erinnerung an Auschwitz im tschechischen Stil.
Ich kehre zurück, um Abhilfe zu schaffen.

Wie im Faschismus, so auch jetzt komme ich als euer schwarzes Gewissen.
Schwarz wie die Nacht, in der ich zum Leben erwache. Schwarz wie ein
Z[…], der aus Lety nicht mehr zurückgekehrt ist.
Schwarz wie der Schatten hinter euch.

Von den nächtlichen Dächern — vielleicht auch von dem über eurem Kopf,

Pérák“


Quellen:

– Hubert Procházka: Jawa 250/350 Pérák, Praha, 2009, Grada Publishing.

http://www.romea.cz vom 27.1.2015: „Legendární Pérák: Hrůzy Osvětimi doteď páchnou v Letech“ [dt.: „Legendärer Pérák: Die Schrecken von Auschwitz stinken noch immer in Lety“]


Michael_a und Kristina von der Recherchegruppe Maulwurf

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