Dokumentiert: „Fußball für die Roma“ (Jungle World)

  Bereits am 27.11.2014 veröffentliche die Journalistin Thyra Veyder-Malberg unten stehenden Artikel über unsere Reise (Pressemitteillung hier) nach Ungarn Anfang November 2014 und die Projekte welche im Rahmen der „Arbeitsgruppe Roma Solidarität Leipzig“ angestoßen wurden. Ein zweiter Artikel („Grüße nach Kálló„) von ihr erschien in der Dezemberausgabe (2014) des Stadtmagazins Kreuzer auf Seite 11 – leider nicht online. Die Recherchegruppe Maulwurf distanziert sich hier ausdrücklich von der Verwendung des AZ Begriffs. Reproduktion rassistischer Begriffe ist unproduktiv.

Fußball für die Roma

Roma in Ungarn werden systematisch ausgegrenzt und sind stark von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen. Mancherorts gibt es kleine Selbsthilfeprojekte. In Kálló etwa unterstützen die Fans eines Leipziger Vereins die lokale Fußballmannschaft. von Thyra Veyder-Malberg

Die Hände von István Diviák sind weiß gesprenkelt, als er seine Gäste begrüßt, die sich gerade aus einem roten Kleinbus zwängen. Diviák, ein kräftiger Mann Anfang 40, ist Vorsitzender des FC Kálló, dem Fußballverein des gleichnamigen Dorfes, das rund 60 Kilometer nordöstlich von Budapest liegt. Eben stand er noch auf dem Platz und hat die Linien für das Pokalspiel am nächsten Tag nachgezogen – von Hand, denn die Markiermaschine ist schon seit geraumer Zeit kaputt. Geld für eine Reparatur oder gar einen Ersatz hat der Verein nicht.

Die Gäste, die Diviák hier so freudig begrüßt, sind die Mitglieder der Initiative Leipzig Korrektiv. Die haben es sich zur Aufgabe gemacht, Anti[..]ismus zu bekämpfen. Heute sind sie allerdings vor allem als Postboten hier. Der Kleinbus, mit dem die Aktivisten vorgefahren sind, ist randvoll mit Fußballausrüstung: Gebrauchte Fußballschuhe, Schienbeinschoner und Trainingsanzüge, neue Bälle und Trikots, auch ein Satz Eckfahnen lugt aus der Heckklappe des Busses hervor. Die Sachen entstammen einer Spendenaktion der Fans des Leipziger Fußballvereins BSG Chemie. Die Partnerschaft vermittelt hat Leipzig Korrektiv. Normalerweise werden Dorfvereine wie dieser von ihrer Gemeindeverwaltung unterstützt. Doch beim FC Kálló sind zwei Drittel der Spieler Roma. Das war für den bisherigen Bürgermeister der Grund, dem Verein jegliche Unterstützung zu versagen.

»Wir sind finanziell in einer sehr schlechten Lage«, erzählt Trainer Zoltán Tompos. »Die Mannschaft schmeißt das Geld zusammen, damit wir zu Auswärtsspielen fahren oder, wie eben zu sehen, den Platz für das Pokalspiel morgen herrichten können.« Er erzählt außerdem von diversen Schikanen, von beschlagnahmten Trikots und dem Dorfrasenmäher, den der Verein nicht benutzen durfte: »Der frühere Bürgermeister hat gesagt: ›Die Z[…]er brauchen das hier nicht.‹«

Diese Art der Diskriminierung ist nicht untypisch. Ungarns Roma haben oft unter dem Rassismus der Mehrheitsgesellschaft und unter den Schikanen der lokalen Behörden zu leiden. »Das war auch der Grund, sich hier zu engagieren«, sagt Richard Gauch, einer der Leipziger Aktivisten. »Es geht hier nicht einfach nur darum, Spenden für arme Menschen zu sammeln«, ergänzt er, »sondern darum, denen zu helfen, die systematisch ausgeschlossen und unterdrückt werden«.

Derweil entladen die Aktivisten den Bus und tragen die neue Ausrüstung in das Gemeindezentrum, einen in Altrosa gestrichenen Flachbau, der, wie viele Gebäude in Kállo, schon bessere Zeiten gesehen hat. Drinnen gibt es Limo für alle und man versucht, sich zu unterhalten – mit Händen und Füßen, denn die Sprachbarriere ist hoch. Davon lässt sich allerdings niemand die Stimmung verderben.

In einer Ecke fängt eine Konstruktion aus Holz und Eisen Staub. Das Gerät ist eine Presse, mit der Biobriketts hergestellt werden können, und entstammt dem ersten Projekt, das Leipzig Korrektiv in Kálló unterstützt hat. Damals ging es darum, die Roma in Kálló in die Lage zu versetzen, sich mit dem Allernötigsten selbst zu versorgen. Den Teilnehmern wurde beigebracht, wie man Gemüse selbst zieht und Kleintiere züchtet und versorgt, sie bekamen gratis Pflanzensamen sowie ein paar Küken. Leipzig Korrektiv sammelte damals Spenden, um den Eigenanteil von zehn Prozent zusammenzubekommen, der nötig war, um die Förderung einer Schweizer NGO zu erhalten.

Nicht alle Teile des Projektes waren erfolgreich: Viele der Küken starben und der Rest wurde geklaut, noch bevor sie eine Karriere als Legehenne beginnen konnten. Auch die Brikettpresse war Teil des Projektes und eigentlich dazu gedacht, aus Altpapier und Zweigen Heizmaterial herzustellen. Doch es mangelte an Grundmaterial. Trotz vereinzelter Rückschläge kann das Projekt jedoch durchaus als Erfolg gewertet werden. Vor allem das Gartenbauprogramm ist sehr gut angelaufen und soll nun ausgeweitet werden, zudem konnten 15 Roma ihren Schulabschluss nachholen.

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