Dokumentiert: Dossier „Wege aus dem Abseits? Die Situation der Roma in Tschechien und in der Slowakei“ (BpB)

„Wege aus dem Abseits?“

Die Situation der Roma in Tschechien und in der Slowakei

Silja Schultheis

8.12.2014

Ein großer Teil der Roma in Tschechien und der Slowakei lebt heute in ghettoähnlichen Siedlungen. Häufig erinnern diese eher an die sogenannte Dritte Welt als an die Europäische Union. Tief verankerte Stereotype und eine Jahrzehnte lang verschleppte Integrationspolitik spiegeln wider, wie schwer sich beide Länder mit dem Selbstverständnis einer offenen Gesellschaft tun. Dabei zeigen positive Ausnahmen, wie einfach Integration funktionieren kann, wenn nur der Wille da ist.

Mauern

Als der Bürgermeister der nordböhmischen Stadt Ústí nad Labem (Aussig) im Oktober 1999 eine Mauer zwischen einer Roma-Siedlung und einem angrenzenden Wohnviertel errichten ließ, brach aus dem In- und Ausland ein Sturm der Entrüstung über ihn herein. „Europa wird nie wieder neue Mauern akzeptieren, die Europäer voneinander trennen“, mahnte EU-Kommissionspräsident Romano Prodi. Und der damalige tschechische Staatspräsident Václav Havel empörte sich, der Bürgermeister bestätige mit dem Bau der Mauer die tschechische Gesellschaft in ihren Negativklischees gegenüber den Roma.

Ladislav Hruška hingegen, der damalige Bürgermeister von Ústi, sah die Mauer als legales Mittel, um einen sozialen Konflikt zu lösen. Die Nachbarn der Roma-Siedlung hatten sich seit Jahren über den Lärm und Schmutz aus dem Roma-Viertel beschwert. Die Mauer in der Matiční-Straße wurde aufgrund der Proteste nach sechs Wochen wieder abgerissen. Doch als Symbol für den Umgang der Tschechen mit ihrer größten Minderheit ist sie der Welt im Gedächtnis geblieben.

Zu Recht: Bis heute sind die geschätzten 200.000 Roma im Land (2 Prozent der Gesamtbevölkerung)[1]) eine Gesellschaft am Rande der Gesellschaft, von der sich die Mehrheitsbevölkerung innerlich entschieden abgrenzt.

In der Slowakei geschieht diese Abgrenzung auch heute vielerorts ähnlich wie 1999 in Ústí: In 14 Kommunen trennen Mauern und Zäune die Roma-Siedlungen von der Mehrheitsbevölkerung. Dies ist vor allem im Osten des Landes, wo der Großteil der über 400.000 Roma (7,5 Prozent der Bevölkerung) lebt[2], der Fall. Für die Zukunft will die slowakische Regierung den Bau solcher Trennwände verbieten. Im Oktober 2014 kündigte sie eine entsprechende Gesetzesnovelle an. „Für Bauten, die Segregation zum Ziel haben, wird es keine Genehmigung mehr geben“, so der Sprecher des zuständigen Ministeriums, Martin Kóňa.

Doch das eigentliche Problem, die innerliche Abgrenzung vieler Tschechen und Slowaken von der Roma-Minderheit, dürfte sich so kaum beseitigen lassen.

Nicht Anpassungsfähige“

Als „sozial nicht anpassungsfähige Bürger“ werden Roma in Tschechien und der Slowakei bezeichnet. In den Medien, aber auch von Politikern. „Nicht anpassungsfähig“ – dahinter steht das Selbstverständnis einer homogenen Gesellschaft, die sich durch eine zwar kleine, aber in ihrer Mentalität und in ihren Lebensgewohnheiten zum Teil von der Mehrheitsgesellschaft abweichende, Minderheit gestört fühlt. Die wenigen anderen Minderheiten in Tschechien (Vietnamesen, Slowaken, Ukrainer) sind überwiegend assimiliert.

„Konkret sind mit „Nicht-Anpassungsfähigen“ Menschen gemeint, die keine Miete bezahlen, nicht arbeiten und Sozialleistungen missbrauchen und häufig kriminell handeln“, so der tschechische Politologe Jiri Pehe. „Allgemeiner denken die meisten Tschechen dabei einfach an Mitbürger aus der Roma-Minderheit, die‚ nicht so sind wie wir’.“

Weiterlesen hier

Quelle: BpB abgerufen am 17.12.2014 17:57 Uhr


Wir dokumentieren diesen Text, da er einen Überblick über die Situation von Roma in Tschechien gibt, distanzieren uns jedoch von ungenauen Einschätzungen und augenwischerischen Begrifflichkeiten wie „fremdenfeindlich“ (offensichtlich ist „rassistisch“ gemeint bzw. sollte als solches benannt werden) und „sozial“ („sozioökonomisch“ trifft es wohl eher). Menschen sind weder „fremd“, sie werden es gemacht, noch haben sie „soziale“ Probleme oder ein bestimmtes „Sozialverhalten“; wer sowas unterstellt, stellt sich auf die Stufe derer, welche zu kritisieren sind. Aufgrund jahrhunderte andauernder Diskriminierung sind Roma gerade in Osteuropa prekären und sozioökonomisch schlechten Verhältnissen ausgesetzt, das kritisieren wir und mahnen an. Nicht die Roma sollten ihr Verhalten ändern, sondern die diskriminierende weiße Mehrheit. Die Verwendung der deutschsprachigen Ortsnamen in Klammern finden wir darüberhinaus ebenso geschmacklos.

Michael von der Recherchegruppe Maulwurf

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s