Zum Weiterlesen „Dossier Perspektiven und Analysen von Sinti und Roma in Deutschland“ (Heinrich Böll Stiftung)

Beim migrationspolitischen Journal „Heimatkunde“ der Heinrich Böll Stiftung erschien am 3.12.2014 ein interessantes Dossier, welches wir hiermit dokumentieren möchten. Insbesondere der Text von Isidora Randjelović (Ein Blick über die Ränder der Begriffsverhandlungen um „Anti[…]ismus“) soll hervorgehoben sein.

Link hier Zugriff am 9.12.2014 23:37 Uhr

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Isidora Randjelović

Ein Blick über die Ränder der Begriffsverhandlungen um „Anti[…]ismus“

[…]

Einleitung

Dieses Dossier beschäftigt sich mit spezifischer, historisch gewachsener und aktuell europaweit weiter eskalierender Gewalt[2] gegen Rroma, Sinti, Manusch, Kale*[3] sowie mit politischen und künstlerischen Interventionen dagegen. Als Redakteurinnen sind wir von der Heinrich-Böll-Stiftung aufgefordert, die von den Autor_innen und uns verwendeten Begrifflichkeiten, die diese Gewalt beschreiben sollen, insbesondere die Verwendung des Terminus „Anti[…]ismus“ bzw. „Antigypsyism“, zu kontextualisieren.

Ich habe mich jedoch gegen einen Text entschieden, der sich um historische Herleitungen, theoretische Analysen, Pro-und-Kontra-Argumente, semantische Empfehlungen oder Alternativen[4] hinsichtlich des Begriffes „Anti[…]ismus“ bemüht. Ich halte es vielmehr für sinnvoll, erst einmal diese Bezeichnung beiseite zu lassen und meine Perspektive auf die Ränder der aktuellen Begriffskontroverse zu richten, weil es eine notwendige Positionierung als Teil der Redaktion dieses Dossiers ist. Mehr noch ist es ein persönliches Plädoyer für die Wertschätzung der Langsamkeit und der Verunsicherung als aktuelle Chance zur Neuformulierung möglicher Grundlagen in Richtung einer vertieften, einer kollektivierenden Wissensproduktion, die sich in erster Linie auf Archive historischer und aktueller Selbstaussagen sowie gegenhegemonialer Analysen derjenigen, die diese Gewalt erfahren, stützen muss.

Ebenso wie dieses Dossier ein Versuch ist, unterschiedliche Stimmen und Perspektiven in den Diskurs hineinzutragen, erfordert eine ernsthafte Aushandlung des Begriffes und vor allem der Konzepte von „Anti[…]ismus“ eine zumindest ebenso breite Repräsentation von Rroma-, Sinti*-Autor_innen, die von ihren gesellschaftlich markierten Platzierungen aus sowie aus sehr unterschiedlichen politischen Positionierungen heraus relevante Analysen zum Verständnis dieser Gewaltform entwickeln. Als Redakteurinnen haben wir vereinbart, den jeweiligen Autor_innen dieses Dossiers hinsichtlich des Begriffs „Anti[…]ismus“ bzw. „Antigypsyism“ die persönliche Entscheidungsfreiheit über dessen Verwendung zu lassen, weil jede_r Einzelne von ihnen seit Jahren in politischen, künstlerischen bzw. wissenschaftlichen Aushandlungen dieser Gewalt involviert ist, und jede_r immer auch mit dem jeweils verwendeten Begriff Aspekte der eigenen Lebensrealität, eigene gesellschaftlich konstruierte Platzierungen und deren strukturelle Folgen berührt.

Verunsicherungen als Chance

In der deutschsprachigen Wissenschaft formt sich seit den 1980ern eine Forschung, die zunehmend unter dem Titel „Anti[…]ismusforschung“ zusammengefasst wird und die den gegen Sinti und Roma* gerichteten Rassismus zum Untersuchungsgegenstand macht[5]. Gleichwohl der Begriff „Anti[…]ismus“ bereits seit seinem Mainstreaming im wissenschaftlichen Bereich als implizit abwertend kritisiert worden ist[6], hat er mittlerweile einen akademischen Gebrauchs- als auch Tauschwert erreicht. Das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma problematisiert den Begriff zum Beispiel auf ihrer interdisziplinären Fachtagung 2012: „Ausgangspunkt ist hierbei die These, dass sich der Begriff Anti[…]ismus nur bedingt eignet, um das zu bezeichnen versuchte Phänomen in seiner ganzen Vielschichtigkeit zu begreifen.“ (Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma 2012). Spätestens seit 2013 sind in Berlin durch die Redakteurin des Rrom_nja-Blogs „Der Paria“ sowohl scharfe Kontroversen um die Reproduktion rassistischer Sprache bei der Verwendung des Begriffes „Anti[…]ismus“ als auch um die Frage „Wer spricht in der Anti[…]ismusforschung?“ angeregt (vgl. Demirova 2013). Das Thema wird außerhalb der „Anti[…]ismusforschungsszene“ zwar bislang nur von wenigen Interessierten in Workshops, auf Tagungen oder über E-Mail-Verteiler diskutiert, macht aber eine einleitende begriffspolitische Reflexion für dieses Dossier erforderlich: denn der Diskurs hat Bedeutung innerhalb eines kleinen Rahmens gewonnen, da es scheinbar praktisch eines Wortes für die Benennung der historisch gewachsenen, spezifischen sowie rassistischen Gewalt gegen Roma, Sinti, Kale, Manus* bedarf.

Auf Tagungen, Workshops, Podiumsdiskussionen ebenso wie auch in der Redaktionsanfrage für dieses Dossier wird mittlerweile nahezu ausnahmslos quasi einleitend eine Positionierung bzw. Äußerung zu dem Begriff „Anti[…]ismus“ erfragt, auch, weil in den Räumen, in denen ich mich bewege, zunehmend ein rassismuskritisches Selbstverständnis von der Verwendung diskriminierungsfreier Begriffe zum Konsens wird. Ich wünsche mir ebenfalls sichere Begriffe, die inhaltlich komplex sowie präzise sind, ohne Reproduktion sprachlicher Gewalt auskommen und sowohl für als auch von Menschen gemacht sind, deren Erfahrungen sie beschreiben. Insbesondere deshalb erscheint es mir sinnvoll, einen Moment innezuhalten und die Verunsicherung als Chance zu sehen, weil sie dazu dienen kann, jenseits der Pro-und-Kontra-Aufrüstungen hinsichtlich seiner Benennung, das Konzept „Anti[…]ismus“ kritisch zu hinterfragen. Dazu möchte ich folgende Fragen und Probleme stehen lassen:

Erstens verunsichert mich die Frage nach den Adressat_innen der Diskussion bzw. des Begriffes, oder: Wer diskutiert aktuell, wofür und wo die „richtige“ Benennung bzw. ein zusammenfassendes Wort für die rassistische Gewalt gegen Roma, Sinti, Kale, Manus*?

Zweitens verunsichert mich mein persönlicher Zweifel an der aktuellen Dringlichkeit dieser Begriffsverhandlung, da ich bislang überwiegend theoretisch und praktisch in Rom_nja-Bewegungen bzw. Selbstorganisationen involviert bin, die alltägliche Kämpfe nach Bleiberecht, nach Zugang zu Bildungsinstitutionen, nach angemessener Erinnerungspolitik, nach den eigenen Selbstvertretungsrechten, dem Überleben als Selbstorganisation sowie der Einhaltung bzw. Etablierung von Bürger_innen- und Menschenrechten führen. Ich stelle also die Frage nach den Verbindungen zwischen der Begriffsverhandlung und alltäglichen Kämpfen gegen die Gewalt hinter dem Epistem sowie nach deren Nutzen für selbstorganisierte Arbeit. Verbindungen bzw. das Ineinandergreifen von Bürgerrechtsbewegung und wissenschaftlicher Arbeit unter dem Konzept „Anti[…]ismus“ existieren allerdings seit Jahren.[7] Dabei macht es Sinn, nachzufragen, wo und mit wem findet diese Zusammenarbeit statt? Unter welchen Rahmenbedingungen und vor allem mit welchen Konsequenzen?

Drittens bewegen wir uns in einem diskursiven Feld dichotomer Zuweisung einerseits wissenschaftlicher und andererseits authentischer Sprecher_innenpositionen, die als soziale Platzanweiser fungieren, demnach bezogen auf Bezahlung, namentliche Erwähnung, soziale Absicherung und Karrierewege ungleichwertig anerkannt sind. Trotz der fehlenden Zusammenarbeit  manifestieren sich jedoch deren singuläre Aussagen relativ schnell zu Wahrheiten (Foucault 2000) aufgrund der als legitim anerkannten Autor_innenschaft, und das regelmäßig ohne das Wissen derjenigen, die sprechen, in irgendeiner Weise sowohl inhaltlich als auch strukturell zu kontextualisieren und leider regelmäßig auch ohne sich aus der Dichotomie von Wissenschafts- versus Authentizitätssprech zu wagen. Mit anderen Worten: „Ich bin, also denke ich“ oder ein „Ich denke (beruflich), also ist es“ produziert rrom_njabezogene Wahrheiten in ungleich bewerteter Akkordarbeit. Damit bergen Aussagen qua Wissenschaft oder qua Herkunft legitimierter Sprecher_innen, so etwa meine, die Gefahr der Beruhigung eines beginnenden und möglicherweise kritischen Diskurses (der nach viel mehr als Begriffsänderungen fragen sollte) und damit zur erneuten Stabilisierung der hinter den Begriffen stehenden Machtordnung. Unter Beruhigung des Diskurses[8] verstehe ich, ein schnelles, praktikables bzw. zitierfähiges Angebot zu liefern, welches sich dazu eignet, aufkommende Fragen, Skepsis und Kritik ruhigzustellen und damit weitere Stimmen oder grundlegende Widersprüche der Verhältnisse, innerhalb derer diese Diskussion stattfindet, zu ignorieren.

Viertens erleichtert das weite Auseinanderklaffen zwischen den medialen und sehr aggressiven Diskursen über bzw. gegen „SintiundRoma“ (Randjelović 2007, S.9) und den weitgehend unbekannten bzw. marginalisierten Spezialdiskursen über Rassismus gegen Sinti, Kale, Roma* im wissenschaftlichen Aktivist_innen-Umfeld auch nicht gerade die Eröffnung einer kritischen Diskussion.

Fünftens irritiert mich die Ungleichzeitigkeit und große inhaltliche Differenz zwischen den öffentlich bzw. wissenschaftlich geführten Diskussionen über „Anti[…]ismus“ und den ungehörten und oftmals sehr präzisen Aushandlungen der Inhalte hinter dem Begriff aus der Perspektive derjenigen Roma-, Gitan*-Autor_innen, die dieses Thema im eigenem Erleben reflexiv aushandeln.

Weiterlesen hier

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Michael von der Recherchegruppe Maulwurf

 

 

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