Gedenken an den 2. August 1944

An vielen Erinnerungsorten des Porajmos fanden in diesem Jahr aus Anlass der Vernichtung der 2897 bis dahin noch in Abschnitt BIIe des Konzentrationslagers Auschwitz verbliebenen Sinti und Roma Gedenkveranstaltungen statt. Nachfolgend soll kurz das Gedenken in Polen, Tschechien und in der Bundesrepublik D beleuchtet werden.

Polen

An der Zeremonie in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau nahmen mehr als 1000 Menschen teil, darunter ehemalige Häftlinge, Vertreter_innen verschiedener Roma-Organisationen, der polnischen Regierung und der jüdischen Gemeinde sowie Mitarbeiter_innen des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau. Die große Zahl Jugendlicher war vor allem dem jährlich stattfindenden Jugendtreffen der Roma Genocide Remembrance Initiative des TernYpe International Roma Youth Networks zu verdanken. An der Zeremonie in der Gedenkstätte nahmen ehemalige Häftlinge, Vertreter_innen verschiedener Roma-Organisationen, der polnischen Regierung und der jüdischen Gemeinde sowie Mitarbeiter_innen des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau teil.
In seinem Grußwort hob der polnische Präsident Bronislaw Komorowski, der gleichzeitig die Schirmherrschaft der Gedenkveranstaltung inne hatte, hervor, dass das Gedenken nicht nur in der Erinnerung stattfinde, sondern daraus die Aufgabe abzuleiten sei, sich allen Formen von Feindseligkeit gegenüber Roma und anderen ethnischen Minderheiten und jeglichen Erscheinungsformen von Rassismus und Xenophobie zu widersetzen. Auch Roman Kwiatkowski, Präsident des Verbandes der Roma in Polen, betonte die zeitgenössische Symbolik des Gedenkortes für die Roma-Gemeinschaft. Der Präsident Israels, Reuven Rivlin, betonte, dass die Erinnerung von entscheidender Bedeutung sei, um die Wiederholung derartig dramatischer Ereignisse in der Gegenwart zu verhindern (Quelle: Miejsce Pamięci i Muzeum Auschwitz-Birkenau).
Anlässlich des Gedenktages gab das Museum die Veröffentlichung einer neuen umfangreichen und mit zahlreichen Abbildungen versehenen Internetpräsenz über den Holocaust an den Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau bekannt. Leider ist diese Seite bislang nur auf Polnisch verfügbar.

Tschechien

Auch in Lety – etwa 60km südlich von Prag – fand eine Veranstaltung in Erinnerung an den 2. August 1944 statt. Hier trafen sich Aktivist_innen, die seit mehreren Monaten durch Aktionen versuchen, die Diskussion um Lety in Bewegung zu bringen (siehe Beitrag auf ecoleusti sowie bei romea.cz).
Die Geschichte um das ehemalige „Strafarbeitslager“ Lety ist umstritten und spielt sowohl im Wahlkampf als auch im allgemeinen politischen Geschehen eine Rolle. So läuft bspw. zur Zeit ein Verfahren wegen §405 (Verleugnung und Rechtfertigung von Völkermord oder Verbrechen der Nazis oder Kommunisten) gegen den Abgeordneten Tomio Okamura, Vorsitzender der Partei Úsvit, der schon mehrfach durch rassistische Äußerungen aufgefallen war. Die Strafanzeige stellte Šimon Heller, Mitglied der Partei KDU-ČSL. Am 8.8.2014 veröffentlichte das European Roma and Travellers Forum gemeinsam mit den NGO’s Konexe, ROMEA sowie slovo21 einen offenen Brief, in dem es die Regierung dazu auffordert, die Immunität von Okamura aufzuheben, die Zusammenarbeit mit ihm zu beenden und die Schweinemastanlage in Lety zu verlegen.  Okamura sagte in einem Interview, dass Lety kein Konzentrationslager für Roma gewesen sei und die Menschen dort lediglich aufgrund eingeschleppter Krankheiten bzw. aufgrund ihres Alters gestorben seien (siehe engl. Artikel bei romea.cz). Ein Verstoß gegen §405 kann zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu drei Jahren führen. Fakt ist, dass im Lager in Lety zwischen 1942 und 1943 vor allem Roma interniert waren, welche im März 1943 von hier aus nach Auschwitz deportiert worden sind.
Im Jahr 1973 baute die kommunistische Regierung der Tschechoslowakei eine große, industrielle Schweinemastanstalt auf dem Gelände des einstigen Lagers. Obwohl bereits in der Helsinki Schlussakte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges festgelegt wurde, die Gelände des Holocaust‘ zu Orten des Gedenkens und der Ehrfurcht zu machen, ist die Schweinemastanstalt in Lety nach wie vor in Betrieb.
In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Debatten um die tatsächliche Geschichte des Ortes und die notwendigen Schritte. Angesichts des täglichen Rassismus und der strukturellen Ausgrenzung von Rom_nja in CZ ist die Tatsache, dass das Gedenken vernachlässigt wird, selbstverständlich nicht hinnehmbar.
Die Bürgerrechtsorganisation Konexe veranstaltet deshalb jeden Monat mindestens eine Aktion vor den Toren des Mastanstalt (siehe die fb Seite von Konexe). Mit Erfolg: Denn die Stimmen für die Schließung und Verlegung der Mastanstalt und die Forderungen nach einer systematischen Erforschung der Geschichte des Ortes werden lauter. Erst Mitte Juli zelebrierte das Europäische Netzwerk EGAM (Europaen Grasroots Antiracist Movement) zusammen mit Konexe und Delegierten von Roma-NGOs aus mehr als 20 verschiedenen Ländern eine Gedenkveranstaltung in Lety (siehe Artikel hier).
Miroslav Broz, Sprecher der Organisation Konexe, sagte anlässlich des Gedenktages: „Unser Ziel ist es, im nächsten Jahr zum Gedenktag hier an einem Ort der Erinnerung zu  stehen, der nicht nach Schweinemist stinkt und den Opfern des Holocaust würdig ist.“ (zitiert nach MarDDa) Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Leipzig

Für Samstag, den 2. August 2014, hatten Leipzig Bürger_innen anlässlich der Liquidation des Abschnitts B II e, dem sogenannten „Zigeunerlager“ im KZ Auschwitz vor 70 Jahren zum Gedenken am Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma aufgerufen. So setzten sie gemeinsam ein Zeichen gegen rassistische Stimmungsmache und für ein würdiges Erinnern (siehe Aufruf).
Zum Gedenken in den Grünanlagen am Schwanenteich, wo das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma steht, hatten sich etwa drei Dutzend Menschen jeden Alters eingefunden, unter ihnen auch eine Familie aus Mazedonien. Gekommen war ebenfalls der erste Vorsitzende von Romano Sumnal e. V. aus Leipzig, Gjulner Sejdi.
Ricky Burzlaff, Vorsitzender des Vereins Verantwortung für Flüchtlinge e. V., gedachte mit bewegenden Worten den ermordeten und gequälten Roma und Sinti und ging auch auf das aktuelle Geschehen ein.
Danach sprach Gjulner Sejdi und rezitierte dabei ein Gedicht in Romanes. Mit einer Schweigeminute wurde den Toten gedacht. Am Denkmal wurden Blumen niedergelegt. Juliane Nagel, selbst Mitglied in der Initiative „Leipzig Korrektiv“, stellte die gegenwärtigen Probleme von Roma dar. Anfang Juli hatte der Deutsche Bundestag mit den Stimmen von CDU und SPD Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina zu „sicheren Herkunftsstaaten“ erklärt. Damit werde die Möglichkeit für Flüchtlinge aus diesen Staaten – in der Hauptsache Roma – „drastisch eingeschränkt, in Deutschland Asyl zu bekommen“, monierte Juliane Nage im Namen der Organisator_innen.
 
Text: Kristina, Richard und MarDDa
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3 Kommentare

  1. Zum Gedenken in Auschwitz hier der engl. Artikel „What brings Europe’s Roma together“ des Journalisten Markus Pape: http://www.romea.cz/en/news/world/what-brings-europe-s-roma-together

  2. Mitschnitt der Veranstaltung in Leipzig hier: https://www.youtube.com/watch?v=T4iaGJ57kt0&feature=youtu.be

    Wir distanzieren uns ausdrücklich von einem Vergleich der Verfolung der Sinti und Roma während des NS mit der derzeitigen Situation im Gazastreifen. Es ist hahnebüchen einen solchen Vergleich anzustellen – Deutsche sind nach wie vor rassistische Täter_innen – Kriegstreiber_innen auf der gesamten Welt. An der rassistischen Verfolgung von Sinti und Roma wollen wir etwas ändern und positionieren uns gegen Geschichtsklitterung, die deutsche Schuld relativieren will und von eigenen rassistischen Einstellungen abzulenken versucht. Deshalb „fight antiromaism“!

  3. […] die Erläuterung zu den Anzeigen gegen Okamura wegen Holocaustleugnung im Abschnitt zu Tschechien hier) wurde mittels eines abgebildeten Reinigungsmittel mit dem Titel der Partei dafür geworben, […]

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