Über den medialen Umgang mit Romafeindlichkeit in Tschechien – Gádžo oder Slušný Čech

Angesichts einer nicht nachlassenden Flut von gegen Roma gerichteten Darstellungen und dem unablässig wiederholten Aufrufen von antiromaistischen Stereotypen und Ressentiments in den tschechischen Medien (ob in Zeitungen oder im Fernsehen – siehe auch  Hetz-TV und Lokale Verdrängungsängste) stellt sich die Frage nach medialen Gegenreaktionen und Gegendarstellungen. Abgesehen von der Internet-Dokumentations-Plattform Romea.cz gibt es wenig öffentliche alternative Aufbereitungen des Themas. Zudem sind die Darstellungen oft noch in den klassischen Klischees gefangen oder von einer wenigstens problematischen Perspektive von Weißen auf die Anderen, die Roma, gekennzeichnet.

Ein aktueller Versuch und auch ein Beispiel für diese Problematik ist der Film Gádžo von Tomáš Kratochvíl, der vor kurzem im tschechischen Staatsfernsehen ausgestrahlt wurde und auch online verfügbar ist. Der Prager Nicht-Rom, darum der Titel Gádžo, Kratochvíl dokumentiert hier seinen mehrmonatigen Aufenthalt bei einer Familie in einer Roma-Siedlung im nordwestböhmischen Ústí nad Labem.
Der Aufenthalt verläuft ohne größere Schwierigkeiten; die zuvor gehegten Befürchtungen, nicht zuletzt aus dem familiären Umfeld Kratochvíls, erfüllen sich nicht. Kratochvíl wird in der ganzen Zeit nicht bestohlen oder betrogen, die Romafamilie erweist sich als freundlich, hilfsbereit und zuverlässig. Insofern könnte man meinen, dass der Film es schafft, die Vorurteile gegenüber Roma in Frage zu stellen und damit einen Kontrapunkt im medialen Diskurs zu setzen.

Dennoch wird die Dokumentation sehr kontrovers rezipiert. Neben grundsätzlich positiven Reaktionen, in denen begrüßt wird, dass ein solches, eben durchaus seltenes mediales Bild von Roma gezeichnet wird, sind insbesondere aus Teilen der Roma-Community selbst auch sehr kritische Stimmen zu vernehmen.
Probleme bereiten die stilistisch wie inhaltlich als naiv und romantisierend empfundene Darstellung. Vermisst wird die richtige Einordnung des Zugangs zur Roma-Siedlung und des stark begrenzten Ausschnittes der Lebenswelt, den Kratochvíl vorführt. Denn er thematisiert nie wirklich, dass er bei einer im Viertel vergleichsweise gut positionierten Familie untergekommen ist, die selbst als Vermieter in der Gegend tätig ist. Das eigentliche Elend bleibt unterbelichtet. Damit verschont der Film natürlich den Zuschauer auch von Szenen der Unordnung und Verwahrlosung.

Umstritten ist auch der persönliche Zugang Kratochvíls. Durch diesen schafft er zwar – etwa unter Einbeziehung seiner skeptischen Eltern und noch skeptischeren Großmutter – einen für breitere Kreise nachvollziehbaren, emotionalen Anknüpfungspunkt. Ein Rezensent fragt sich aber auch, inwieweit es sich hier um die Selbsttherapie eines jungen Mannes auf Sinnsuche handelt. Diese Annahme ist nicht aus der Luft gegriffen, baut doch der ganze Film in seiner bewusst subjektv gehaltenen Anlage darauf auf, dass Kratochvíl nach einer zerbrochenen Beziehung eine neue Lebensaufgabe sucht, eine Aufgabe, um die Vergangenheit zu vergessen.
Und hier schließt auch das in meinen Augen größte Problem der positiven Darstellung der Roma an. Trotz aller ausgetauschten Freundlichkeiten und der Versuche hier eine mehr oder weniger „normal“ funktionierende Familie vorzustellen, geht Kratochvíl davon aus, dem Anderen und Fremden zu begegnen und belegt dies mit gerade für den Antiromaismus traditionellen Mustern. Das zeigt sich besonders an einer Stelle des Films, an der er verkündet, dass er eines von den Roma gelernt habe, nämlich das Prinzip, in der Gegenwart zu leben und nicht in der Vergangenheit (in sinngemäßer Übersetzung). Es muss an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden, inwieweit dies das uralte Stereotyp vom freien, ungebundenen, lustigen „Zigeunerleben“ aufgreift (dass Kratochvíl den ganzen Film hindurch in penetranter Weise den Begriff „cigáni“ [entspricht dem deutschen Z-Wort] verwendet, sollte auch nicht unerwähnt bleiben, wenngleich auch zu berücksichtigen ist, dass in der Diskussion darüber in Tschechien kein solcher Konsens besteht, wie es ihn etwa in Deutschland gibt). Klar ist, dass hier im Grunde doch wieder nur ein weißer Bürger eine Projektionsfläche sucht und findet.

Aus allen diesen Gründen stellt sich (mal wieder) die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, anstelle des Objektes des Ressentiments, das Ressentiment selbst sowie dessen Trägerschaft in den Blick zu nehmen – zumindest solange es sich nicht um eine breitere Darstellung der Lebensverhältnisse von Roma, verbunden mit einer gründlichen Erklärung der sozioökonomischen Hintergründe handelt und solange sich nicht Roma selbst re-präsentieren.
Ein Beispiel hierfür wäre, wenngleich ein Amateurversuch im kleinen Rahmen, das Internetprojekt Slušný Čech, über das ich schon an anderer Stelle geschrieben habe. Hier wird nämlich einmal der „slušný Čech“, jener „anständige Tscheche“ (also das Gegenstück zum „cigán“ gewissermaßen) in seinem unverhohlen rassistischen Agieren aus der Distanz des Internetkommentarforums heraus gezeigt und in seinem Hass und seiner auf Vorurteilen und tendenziösen Medienberichten basierenden Paranoia durch Mimikry vorgeführt.
Generell wäre es für Medienproduktionen erstrebenswert, den Fokus auf die Auswirkungen und strukturellen Hintergründe von Rassismus, auf Ursachen für die Stigmatisierung einer Gruppe und im besten Falle die Funktionen des Ressentiments im gegenwärtigen Gesellschaftssystem zu lenken, anstatt die Schuld bei den Unterdrückten zu suchen. Denn nicht die Roma sind das Problem, sondern die Romafeindlichkeit.

kapturak

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ein Kommentar

  1. […] exotistischen Herangehensweise des Fernsehdokumentarfilms Gadžo von Tomáš Kratochvíl stark gestoßen habe, gibt es nun mit dem Kinofilm Cesta ven (übersetzt etwa Der Weg hinaus) ein hervorragendes […]

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