Offener Brief Konexe: „Schließung der Schweinefarm auf dem Gelände des KZ Lety (CZ)“

Wir veröffentlichen nachfolgend den offenen Brief der tschechischen Bürgervereinigung Konexe an die Bürger_innen und Institutionen Europas (zuerst veröffentlicht am 9.5.2014) in deutscher und englischer Sprache.

Offener Brief der Bürgerrechtsorganisation Konexe an die Bürgerinnen, Bürger und Institutionen Europas

Sehr geehrte Mitglieder des Europäischen Parlaments, der Europäischen Kommission, sehr geehrte Bürger_innen Europas.

Wir wenden uns in einer sehr ernsten Angelegenheit an Sie.
Die Situation der Rom_nja in der Tschechischen Republik ist kritisch. Alle öffentlichen Meinungsumfragen zum Thema zeigen, dass die Mehrheit unseres Landes starke Vorurteile gegen Roma hegt und eine deutliche Anti-Roma Einstellung vertritt, so dass hierzulande Anti[roma]ismus zur domnierenden Meinung wurde. Roma werden auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt und in anderen Bereichen ihres Lebens diskriminiert. Das tschechische Schulsystem ist segreggiert.
In der Tschechischen Republik sehen sich Rom_nja rassistisch-motivierten Attacken und Gewalt gegenüber. In den vergangenen Jahren wurden Roma-Communities Ziel von hasserfüllten Anti-Roma Demonstrationen und Märschen, die oftmals gewalttätig wurden und mehr als einmal gar zu versuchten Progromen auswuchsen. Nicht nur ultra-rechte Neonazis folgen diesen Demonstrationen, sondern auch so genannte normale Bürger_innen nahmen daran teil. [Rass]ist_innen, die Anti-Roma-Hass verbreiten, finden sich in jeder politischen Partei der tschechischen Republik, von rechts bis links, und Politiker_innen sind bestrebt die Mehrheit der Wähler_innen für sich zu gewinnen, welche [Rass]ist_innen sind.
Die Politik der sozialen Integration und ihre Maßnahmen haben komplett versagt. Die enormen Geldsummen, welche zur Armutsbekämpfung, gegen den Anti-Roma Rassismus und zur Erreichung einer Integration von Roma in die Mehrheitsgesellschaft bestimmt sind, welche oft von der Europäischen Union kommen, wurden falsch eingesetzt und hatten keinen wirklichen Effekt. Die Situation der Rom_nja Communities verschlechtern sich konstant Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr.
Ein Teil dieser kritischen Zustände ist die Aberkennung – oder zumindest die Geringschätzung – des Genozids an den Rom_nja während des Zweiten Weltkriegs. Angehörige der Rom_nja wurden durch die tschechische Polizei zusammengetrieben und in Konzentrationslager verbracht, wo sie ermordet und gefoltert wurden. Die Wachen dieser Todeslager waren keine deutschen Nazis, sondern tschechische Polizist_innen. Diese Lager standen unter der Verwaltung des Führungsstabes der tschechischen Kriminalpolizei. Die stärksten Gefangenen, welche es schafften die Hölle der tschechischen Todeslager zu überleben, wurden der Deutschen SS ausgeliefert, in das Vernichtungslager Auschwitz II abtransportiert und vergast.
Eines dieser tschechischen Konzentrationslager für Rom_nja befand sich in der Nähe des Dorfes Lety by Písek im Süden des Landes (Jižní Čechy; South Bohemia). Im Jahr 1973 baute die kommunistische Regierung der Tschechoslowakai eine große, industrielle Schweinefarm genau auf dem Gelände des einstigen Lagers, also dem Gelände des Genozids an den Rom_nja. Diese Farm existiert bis heute an diesem Ort des Romaholocaust und ist immer noch im Betrieb. Schweine suhlen sich in ihren eigenen Fäkalien auf dem Platz an dem Rom_nja ermordet und gefoltert wurden.
Dies geschah trotz der Tatsache, dass die Tschechoslowakai die Helsinki Schlussakte nach dem Ende des zweiten Weltkrieges unterzeichnete, in denen vereinbart wurde, die Gelände des Holocaust zu Orten des Gedenkens und der Ehrfurcht zu machen.
Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, als die Bedingungen dazu ideal waren, wurde die staatseigene Schweinefarm nicht geschlossen, sondern an ein Wirtschaftsunternehmen verkauft. Während der folgenden Jahre wurden verschiedene tschechische Regierungen von diversen internationalen Institutionen unter Druck gesetzt, die Farm zu kaufen, sie zu schließen, sie von Schweinemist zu reinigen und ein würdevolles Denkmal für die Opfer auf dem Gelände zu errichten. Viele tschechische Regierungen versprachen, vertreten durch ihre Minister_innen – sogar ihre Ministerpräsidenten – die Schweinefarm zu schließen.
Doch bisher geschah das nicht und es ist nicht der kleinste politische Willen zu erkennen dies zu tun. Diese Versprechen dienten, unserer Meinung nach, dazu die internationalen Menschenrechtsinstitutionen zu beruhigen. Am Ende wurde immer argumentiert, dass der tschechische Staat nicht die finanziellen Mittel hätte, die Farm auf dem Gelände zu schließen. Kann etwas Derartiges in Geld bemessen werden? Der Besitzer der Farm gab bekannt, dass er nie gefragt worden sei, zu welchem Preis er das Gelände verkaufen würde. Wir wissen nicht, wie viel es kosten würde das Gelände zu kaufen, was wir allerdings wissen ist, dass wir das Geld nicht haben… .
Es ist allerdings sehr einfach diese skandalösen Verhältnisse zu benennen. Wir haben erfahren, dass die Schweinefarm auf dem Gelände des Romaholocaust mit Mitteln der EU-Agrar-Subventionen finanziert wird. Ohne diese Subventionen, wird die Farm Geld verlieren und in Kürze schließen.
Deshalb bitten wir Sie die EU-Agrar Subventionen dieser industriellen Schweinefarm bei Lety by Písek einzustellen. Stoppen Sie die Zahlungen und die Unterstützung von Schweinezucht auf dem Gelände des Genozids an den Rom_nja. Diese Farm steht nur noch an diesem Ort aufgrund ihrer finaziellen Hilfe. Wenn Sie diese Hilfe einstellen, wird sie in Kürze schliessen.
Die Existenz einer industriellen Schweinefarm am Ort des Genozids an den Rom_nja ist eine Schande für alle von uns und ein Symbol für die Stellung der Roma nicht nur in der Tschechischen Republik, sondern in ganz Europa.
Wir glauben, dass Sie das Richtige tun werden,

Konexe

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Die Bürgerinitiative Konexe ist eine Roma-Graswurzelorganisation mit mehr als 75 Mitgliedern. Zu ihren hauptsächlichen Aktivitäten gehören die Stärkung der lokalen Communities, die direkte Unterstützung von Communities, welche Hassdemonstrationen ausgesetzt sind, Bildung und Organisierung. Wir kritisieren seit Langem die gescheiterte Politik der sozialen Integration für Rom_nja in der Tschechischen Republik.


Open Letter from the Konexe civic association to the citizens and institutions of Europe

Lety u Písku: The existence of this industrial pig farm on this site of the genocide of the Romani people is a disgrace to us all and a symbol of the position of the Roma not just in the Czech Republic, but in Europe as a whole.

Quelle: Facebook Konexe Zugriff 10.5.2014 // 17:03 Uhr

Lety u Písku: The existence of this industrial pig farm on this site of the genocide of the Romani people is a disgrace to us all and a symbol of the position of the Roma not just in the Czech Republic, but in Europe as a whole.

Dear Members of the European Parliament, the European Commission, citizens of Europe,

We are writing to you about a matter of great seriousness.

The situation of Romani people in the Czech Republic is critical. According to the results of all public opinion polls on this issue, the majority of our country is so saddled with strongly anti-Romani prejudices and sharply anti-Romani attitudes that antigypsyism has become a mainstream opinion here. Romani people are discriminated against in housing, on the labor market, and in other areas of their lives. The Czech school system is segregated.

Romani people in the Czech Republic are facing racially-motivated attacks and violence. During the past few years, Romani communities have been targeted by hateful anti-Romani demonstrations and marches which often become violent and have grown into attempted pogroms on more than one occasion. Not only do the followers of neo-Nazi, ultra-right movements join these demonstrations, but so-called ordinary citizens get involved in them as well. Antigypsyists espousng anti-Romani hatred can be found in every single Czech political party, from the left to the right, and politicians strive to win the electoral support of the majority of voters who are antigypsyist.

Social integration policy and its tools have completely failed. Enormous sums of money designated for solving the problems of Romani poverty and anti-Romani racism and for achieving Romani integration, often coming from European Union funds, have been spent unsuitably and have had no real effect. The situation of Romani communities here is constantly deteriorating day by day, month by month, year by year.

One component of this critical state is the denial – or at a minimum, the depreciation – of the genocide of the Romani people that took place here during the Second World War. Romani people were rounded up by the Czech Police and placed in concentration camps where they were murdered and tortured. The guards of these death camps were not German Nazis, but Czech gendarmes. The headquarters of the Czech Criminal Police administered these camps. The toughest prisoners who managed to survive the hell of the Czech death camps were handed over to the German SS, transported to the extermination camp of Auschwitz II – Birkenau, and gassed to death.

One of the Czech concentration camps for Romani people was located near the village of Lety by Písek in South Bohemia. In 1973, the Communist government of Czechoslovakia built a large-capacity, industrial pig farm precisely on the site of the former camp, i.e., at the site of the genocide of the Roma. That farm stands to this day at this place of Romani genocide and is still in operation. Pigs wallow in their own feces on the spot where Romani people were murdered and tortured.

This happened despite the fact that Czechoslovakia signed the Helsinki Accords after the end of the Second World War, pledging to turn genocide sites into places of commemoration and reverence.

After the fall of communism, when the conditions would have been ideal, the state-owned pig farm was not torn down, but was sold by the state to a commercial company. During the following years various Czech governments have regularly faced pressure from various international institutions to buy the pig farm, tear it down, clean away the pig feces and erect a dignified memorial to the victims of genocide at this site. Many Czech governments have promised through their ministers – and even their Prime Ministers – to remove the pig farm. That has not yet happened and there never has been the slightest real political will to do so. Such promises, in our opinion, have served only to quiet international human rights institutions. In the end it has always been said that the Czech state does not have the money to buy the pig farm now running on this genocide site. Can something like this be measured in money? According to statements by the owner of the farm, he has never been asked what price he would sell it for. We can’t know how much it would cost to buy it, but apparently what we do know for certain is that we don’t have the money… .

It would, however, be very easy to address this current scandalous state of affairs. We have learned that the pig farm at this site of Romani genocide is a recipient of EU agricultural subsidies. Without those subsidies, the farm will lose money and will go out of business in short order

We are therefore asking you to halt the EU agricultural supports for the industrial pig farm at Lety by Písek. Stop paying for and supporting the raising of pigs at this Romani genocide site. This farm is only still standing at this site of genocide because of your financial support. If you stop supporting it financially, it will go out of business soon.

The existence of this industrial pig farm on this site of the genocide of the Romani people is a disgrace to us all and a symbol of the position of the Roma not just in the Czech Republic, but in Europe as a whole.

We believe you will do the right thing,

Konexe

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The Konexe civic association is a grassroots Romani organization with more than 75 members. Its main activities include community empowerment, direct support for communities facing hate demonstrations, education and organizing. We have long criticized the failure of the social integration polices for Romani people in the Czech Republic.

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Plan Lety

Source: Konexe Zugriff 10.5.2014 17:28 Uhr

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