Recherchereise der Bürgerinitiative „Leipzig Korrektiv“: ´Anhaltender Hass gegen Roma in Ungarn´

BI „Leipzig Korrektiv“ besucht anlässlich einer Recherchereise Frau Edit Pikács
Am 12. April 2014 besuchten die deutsch-ungarische Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky, Stephan Bosch und Richard Gauch, alle samt Mitglied in der Bürgerinitiative „Leipzig Korrektiv“ sowie der Bürgerrechtler, Aladár Horvath, Frau Edit Pikács in Galgagyörk.
Ca. 10 Prozent der Bevölkerung in Ungarn sind Roma. Viele von ihnen leben in ärmlichen Verhältnissen. Auch andauernde Diskriminierung und Ausgrenzung von der ungarischen Mehrheitsgesellschaft prägen ihren Alltag. Die von Roma bewohnten Häuser sind oft in einem ruinösen Zustand sowie ohne Strom- und Wasseranschluss. Die Chancen der Roma auf eine Berufsausbildung, einen sicheren Arbeitsplatz, angemessene Gesundheitsversorgung und auf Akzeptanz in der ungarischen Bevölkerung sind erschreckend schlecht.
So lebt die Mehrheit der Roma, so wachsen sie auf, so prägt sich das Bild von ihnen.
Oft hörten wir die Vorurteile: „Die Roma sind kriminell, dreckig und faul und sie wollen es auch nicht anders.“  Spricht man das Thema Roma gegenüber VertreterInnen der sogenannten Mehrheitsbevölkerung in Ungarn an, so bekommt man ganz sicher auch eine vorurteilsbehaftete, schreckliche Geschichte über die „Machenschaften der Roma-Clans“ zu hören. Kenntnisse über die Roma-Kulturen sind hingegen in der Mehrheitsbevölkerung so gut wie nicht vorhanden.
In Ungarn leben die Roma in der ständigen Angst vor Übergriffe durch Rechtsextremisten. Besonders gefürchtet ist die gewaltbereite „Neue Garde“. Schon unter ihrem alten Namen „Ungarische Garde“, welche verboten worden war, verbreiteten sie als Verbündete der Partei Jobbik Angst und Schrecken.
Mit ihrer ständigen Hetze gegen die Roma hat sich der kulturell tief sitzende und niemals hinterfragte Anti[roma]ismus in der ungarischen Gesellschaft radikalisiert. Die „Neue Garde“ verbreitet eine rassistische, antisemitische und anti[roma]istische Ideologie. Dabei hat sie oft die Unterstützung der sogenannten „gleichgeschalteten staatlichen Medien“ sowie ihrer verbündeten Partei Jobbik und einem Großteil der ungarischen Mehrheitsbevölkerung.
Auf fruchtbaren Boden treffen die Hetztiraden der „Neuen Garde“ vor allem in den ärmeren Regionen Nordostungarns. Nach einer Serie von Morden an Roma in den Jahren 2008 und 2009 ist die Lage immer noch höchst gefährlich. Nächtliche Überfälle, Willkürherrschaft und Einschüchterung durch sogenannte Bürgerwehren gehören für viele Roma immer noch zum traurigen Alltag.
Edit Pikács aus Galgagyörk beschreibt es so:
Der Höhepunkt des Leidens unserer Familie begann 2008.
Zu dieser Zeit gingen wir beide, mein Mann und ich, arbeiten. Wir haben drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn.
Am 14.Juni 2008 gab es eine heftige verbale Auseinandersetzung, zwischen einer Roma und einer Nicht-Roma-Familie, in unserer Straße.  Die Polizei wurde gerufen und nahm ein Protokoll auf. In der darauffolgenden Nacht randalierten maskierte Personen in unserer Straße. Sie haben lautstark gerufen: „Ihr werdet verrecken, ihr dreckigen Zigeuner“ und „Wir machen euch den Holocaust“.
Wir riefen darauf hin die Polizei. Jedoch bis diese eintraf, waren die maskierten Personen schon verschwunden. Bis heute sind sie „unbekannte Täter“.
Am folgendem Tag marschierte die Ungarische Garde auf und kesselte uns Roma ein. Wieder wurde die Polizei gerufen aber die „Magyar Garda“ konnte nur von einer Spezialeinheit der Polizei gestoppt werden. Wir hatten sehr große Angst!
Nach einiger Zeit erschienen Leute von den TV-Sendern Echo-TV und Hir-TV, mit ihnen kam auch Zsolt Bayer. Er ist mit seinen rassistischen Äußerungen ein bekannter Journalist und guter Freund von Victor Orbán, Mitgründer der Fidesz , und Besitzer des Fidesz Parteibuchs Nr.5. Er machte mit der sogenannten „von der Ungarischen Garda geretteten“ Familie ein Interview und daraus eine Reportage, aus der hervorging, dass alles „nur wegen der Roma aus Galgagyörk “ passierte.
Dies erweckte die Aufmerksamkeit der Täter der nun folgenden Serie von Morden an Roma.
Edit Pikács berichtet weiter: Am 21. Juli 2008, um 0.15 Uhr, wir schliefen schon. Ich habe in der Küche geschlafen und es regnete stark. Auf einmal hörten wir ein lautes Knallen. Zuerst dachte ich, der Blitz hätte eingeschlagen. Zu meinem Glück, ging ich ins Wohnzimmer um Licht zu machen. Denn wäre ich weiter in der Küche geblieben, so hätten sie mich erschossen. Durch die Fenster schossen sie, wie die Wilden hinein. Später sah die Küche aus, als wenn eine Bombe eingeschlagen hätte, das Wohnzimmer bekam auch einiges ab. Die Wand im Wohnzimmer wurde getroffen. Hier schlief der Rest der Familie mit unserem Enkelkind. Mein Sohn und mein Enkel waren leichenblass, sie zitterten am ganzen Körper… Ein Glück, dass meine schwangere Tochter nicht zu Hause schlief, sie war bei ihrem Freund. Wir hatten alle Todesängste!
Ich rief die Polizei an und sie fragten am Telefon: „Wer schießt denn dort?“ Ich sagte: „Keine Ahnung, aber kommen sie schnell, wir werden hier alle gekillt!“  Die Polizei kam und die Polizisten fasste ohne Handschuhe alles herumliegende an. Sie sammelten fünf Patronenhülsen auf.  Später fand mein Mann eine weitere und übergab diese der Polizei. Einige Zeit später kamen weitere Spezialisten der Polizei aus Budapest, diese trugen wenigstens Gummihandschuhe.
Die Ermittler vernahmen uns. Sie fragten, bei wem wir Schulden hätten? Ich sagte, dass wir keine Schulden haben, außer bei der OTP (ungarische Sparkasse). Sie wollten Beweise finden, um zu sagen es waren irgendwelche Wucherer am Werk gewesen. Ich sagte, es müssen Gardisten gewesen sein, doch sie entgegneten, dass es hierzu kein Zusammenhang zu finden wäre. Ich wusste damals schon, dass es wohl ein Zusammenhang gab. Zu dieser Zeit nahmen die Ermittler die Sache nicht ernst, erst einige Monate später als es dann Tote gab. Außer unsere Familie waren auch weitere zwei Häuser und deren Bewohner betroffen.
Diese Tage können wir nie vergessen!  Dies hinterließ Spuren in der ganzen Familie. Wir wagten es einige Zeitlang auch nicht, zu Hause zu schlafen. Wir kamen bei meiner Mutter, im Nachbardorf für einige Zeit unter. Mein Mann war damals schon an Krebs erkrankt, die Chemo-Terapie und die Bestrahlung belasteten ihn zusätzlich sehr stark. Wir bekamen von niemandem irgendeine Hilfe, am Haus und in der Wohnung sind noch immer Einschuss-Spuren zu sehen.
Unser einziges Glück ist, dass wir noch leben.
Mein damals 4 1/2 Jahre alter Enkel Mikike erwähnt die Tage immer wieder, bis heute! Oft weint er in der Nacht vor Angst. Es ist ihm bis heute nicht möglich allein dem Weg zur Schule zu gehen. Die Teilnahme an Klassenfahrten oder Ausflüge mit Übernachtung ist für den nun 10 jährigen Jungen bis heute unmöglich, so tief und unaufgearbeitet ist sein Trauma.
Frau Pikács sagte: „Wir wurden auch Opfer rassistischer Gewalt“ und „Familien welche durch die Serie von Morden an Roma, Todesopfer zu beklagen haben, bekommen vom ungarischen Staat eine Entschädigung“.
„Aber wir starben nicht …“, fügte Edit Pikács abschließend und sarkastisch hinzu.

Leider ist dies kein Einzelfall, so wurde uns durch dem Bürgerrechtler Aladár Horvath berichtet. Er berichtete uns von Kindern aus anderen Dörfern welche ebenfalls derartige Erlebnisse hatten und  bis heute darunter leiden. Die Bürgerbewegung um Aladár Hotvath,  welche Kooperationspartner der BI „Leipzig Korrektiv“ ist, nimmt sich dieser Problematik an. Wir, die Mitglieder der Initiative „Leipzig Korrektiv“ bitten alle LeserInnen um Hilfe.

Denn der Ausgrenzung und Diskriminierung von Roma in Ungarn auf politischen Wege zu begegnen scheint ein langer und steiniger Weg.
*Bitte helft, damit wir auch helfen können! *
Kontoverbindungen:
Roter Baum e.V. Leipzig,
Bank für Sozialwirtschaft,
BLZ 86020500,
Konto: 3474500
IBAN: DE49850205000003474500
BIC: BFSWDE33DRE
Spendenquittung möglich, Spenden werden komplett und gesammelt weitergeleitet!
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Richard Gauch (Leipzig Korrektiv) – 23.4.2014, 21:33 Uhr.
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ein Kommentar

  1. […] und editierte Text stammt von der Facebook-Seite von Richard Gauch, ebenfalls gepostet von Ecoleusti. Fotos ergänzt von […]

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