Medien in Tschechien: „Der anständige Tscheche- Parodie auf den virtuellen Mob“ (Beitrag von kapturak)

Eigentlich ist es egal, wovon ein Zeitungsartikel im Einzelnen handelt. Sind Roma involviert, so sind genauso dumpfe wie hasserfüllte Reaktionen der Online-Kommentatoren bereits vorprogrammiert.

Welch geballte Ladung geistigen Tiefflugs und Ressentiments die virtuelle Meute in Tschechiens Online-Medien regelmäßig absondert, demonstriert Jan Jablunka in seinem Video-Projekt „Slušný Čech“ simpel, aber eindrucksvoll.

Dazu genügt es ihm, die Beiträge, die sich unter einem entsprechenden Zeitungsartikel finden, laut vorzulesen und den Auftritt der empörten Leser mimisch zu unterstreichen.

Auf diese Weise stellt Jablunka den sogenannten und auch selbsternannten slušný Čech, übersetzt den „anständigen Tschechen“, wunderbar komisch und entlarvend dar.

Der slušný Čech ist nämlich derjenige, der arbeitet, brav seine Steuern zahlt und unter den nicht-anständigen, nicht anpassungsfähigen, also in seiner Vorstellung den Roma, ganz schrecklich zu leiden hat und sich über diese Ungerechtigkeit ausgesprochen gerne ereifert.

Zuletzt bot ein Bericht (bei romea.cz Kommentar auf engl.) über den Rückgang der Kenntnisse der Romasprache, des Romanes, unter den tschechischen Roma den Anlass für ein Entrüstungsfeuer der „anständigen Tschechen“. Diese wissen zu vermelden, dass sich nirgends in einem Romanes-Wörterbuch die Übersetzung für die Vokabel „Arbeit“ oder überhaupt einen Begriff für „Betätigung“ finden lasse, dass es diese Sprache eigentlich gar nicht gebe, da nichts Schriftliches jemals auf Romanes produziert werde und das Einzige, was Roma (hier natürlich pejorativ als „Cigáni“/“Zigeuner“ betitelt) zu lesen gelernt hätten, seien die Antragsformulare für Sozialleistungen. Schließlich sei es angesichts der Bevölkerungsexplosion der „Unanpassungsfähigen“ nur noch eine Frage der Zeit, bis nur noch „Zigeunerisch“ gesprochen werde.

Die gängigen Ressentiments und rassistischen Vorurteile werden auf ein beliebiges Thema gemünzt. Wie gleichklingend stereotyp aber der Jargon des „anständigen Tschechen“, jenes vielkehligen man-wird-doch-noch-sagen-dürfen-Zeterers daherkommt, führt Jablunka dem Zuschauer durch einfaches Nachsprechen jener Phrasen in jeder Folge von neuem vor Augen.

Beitrag: kapturak

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4 Kommentare

  1. […] ein Amateurversuch im kleinen Rahmen, das Internetprojekt Slušný Čech, über das ich schon an anderer Stelle geschrieben habe. Hier wird nämlich einmal der „slušný Čech“, jener „anständige […]

  2. […] (tsch. „slušné lidi“ / „slušní občané“ / „slušní“) (siehe auch hier) entgegengestellt. Ohne eindeutig rassistische Wörter zu verwenden, können sich im […]

  3. „Es hat mich überrascht, dass viele Leute nicht begriffen haben, dass das eine Parodie ist.“
    Ein Interview mit Jan Jablunka, dem Macher von Slušný Čech:
    http://www.romea.cz/cz/romano-vodi/jablunka

  4. Leider hat Jan Jablunka laut eigener Aussage seine Serie „Slušný Čech“ mittlerweile beendet. Es bleibt abzuwarten, ob er weiterhin – sei es wie im hier beschriebenen Beispiel auf sarkastische Art und Weise – rassismuskritisch in Erscheinung tritt. Wünschenswert wäre es allemal.

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