Leipzig: Gedenken anlässlich der Befreiung des KZ Auschwitz

Heute, am 27.1.2014 fanden in Leipzig in Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee vor nunmehr 69 Jahren verschiedene Gedenkveranstaltungen statt.

Bereits um 12.00 Uhr gab es eine Gedenkveranstaltung für die Sinti und Roma, die Opfer des nationalistischen Völkermordes wurden, an der Plastik „Geschlagener“ beim Schwanenteich in der Goethestraße. Daran nahm auch der 1.Vorsitzende des Romano-Sumnal-Vereins für Roma-Kulturvermittlung und politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Romaaktivismus, Herr Gjulner Sejdi, teil.

Zunächst wurde durch Herrn Sejdi das Gedicht „Nachricht aus dem Jenseits“ von Ilija Jovanović in Romanes und im Anschluss daran von seiner Frau Petra Sejdi auf Deutsch vorgelesen. Zum gemeinsamen Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung fanden sich Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Zusammenhängen ein. Anderthalb Stunden später folgte dann eine offizielle Delegation der Stadt Leipzig mit Oberbürgermeister Burkhard Jung. Diese fuhr anschließend weiter, um 14 Uhr an der Gedenkstätte Abtnaundorf (Theklaer Straße/Höhe Heiterblickstraße) einen Kranz am dortigen Obelisken, welcher an das „Massaker von Abtnaundorf“ erinnert, niederzulegen.

Im Vorfeld hatten Aktivisten im Hörsaalgebäude der Universität Leipzig Plakate mit Informationen zum Gedenktag 27. Januar aufgehängt, die jedoch bereits eine Stunde später allesamt wieder entfernt worden waren, da eine offizielle Genehmigung fehlte. Es ist erschreckend, wie sehr hier nach wie vor auf bestehende Regelungen verwiesen wird, statt unbürokratisch zu entscheiden.

Ein weiterer Verweis in Hinblick auf Leipzig soll noch angebracht werden: Unweit des Schwanenteiches, entlang des Rings, gelangt man zum seit dem 1.8.1945 so benannten Wilhelm-Leuschner-Platz. Wilhelm Leuschner wird vielerorts als SPD-Politiker und v.a. als NS-Gegner sowie Opfer geehrt. Dabei wird häufig vergessen, dass Leuschner als Innenminister von Hessen (1928-1933) in Anlehnung an das im Freistaat Bayern verabschiedete s.g. „Gesetz zur Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen“ im Landtag das s.g. „Gesetz zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ vorlegte, welches am 3. April 1929 in Kraft trat. Dazu hier ein längeres Zitat von der Internetseite des Vereins Sinti und Roma Hessen, verfasst von Udo Engbring-Romang:

Fallbeispiel: Ein demokratischer Politiker

Im Jahre 1929, knapp drei Jahre nach einer reichsweiten Vereinbarung über eine gemeinsame „Zigeunerpolitik”, legte der damalige hessische Innenminister und spätere Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime Wilhelm Leuschner (SPD) das „Gesetz zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ dem Landtag des Volksstaates Hessen zur Verabschiedung vor. Das Gesetz wurde am 21. März 1929 in Erster und Zweiter Lesung verabschiedet und trat am 3. April 1929 in Kraft. Der einzige Widerspruch im Landtag kam von dem Abgeordneten der Kommunistischen Partei Deutschlands, […] Schmitt, der das Gesetz zu Recht als „ein ausgesprochenes Ausnahmegesetz“ bezeichnete, das nicht mit dem Wesensgehalt der Weimarer Verfassung übereinstimmte.

In der Begründung für das Gesetz versprach Wilhelm Leuschner, die „Zigeunerplage“ als dauernde Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung einer einheitlichen Bekämpfung zuzuführen, da trotz energischen Vorgehens eine Ausrottung des Übels bisher nicht möglich [sei]. Schließlich machte das hessische „Zigeunergesetz” die Ausübung eines Wandergewerbes in Hessen von einer besonderen Erlaubnis abhängig, die an die Reichsangehörigkeit und den Besitz einer amtlichen Bescheinigung über eine erfolgte erkennungsdienstliche Behandlung gebunden war. Dieses Gesetz, das gegen die Weimarer Verfassung verstieß, sollte wiederum und ausschließlich für Sinti und Roma gelten. Mit der generellen erkennungsdienstlichen Behandlung der Sinti und Roma in Hessen waren die rassistisch begründete Kriminalisierung und gleichermaßen die Totalerfassung der Sinti und Roma gesetzlich nachträglich abgesichert worden. Mit den Ausführungsbestimmungen zum „Zigeunergesetz” wurde auch ein „Nachrichtendienst” in Hessen errichtet, über den die Standesämter zum Beispiel jede Eintragung über die Geburt, den Tod oder die Heirat eines Menschen, der als ”Zigeuner” eingeordnet werden konnte, nach Darmstadt an die ”Zentralstelle” melden sollte.

Der Völkermord an den Sinti und Roma wird auch als vergessener Holocaust bezeichnet, da erst durch die Bürgerrechtsbewegung, die in den 1970er Jahren entstand, in einem breiterem Umfang auf sie als Opfergruppe aufmerksam gemacht wurde. Grund hierfür war u.a., dass die ehemaligen Verfolger nach 1945 häufig zu denjenigen wurden, die über etwaige Entschädigungszahlungen zu beschließen hatten. Auch der Bundesgerichtshof korrigierte erst 1963 sein vorheriges Urteil teilweise und stellte fest, dass für die Verfolgungsmaßnahmen rassistische Motive „mitursächlich“ gewesen sein könnten. Es vergingen noch viele Jahre, bis der Bundestag im Jahr 1979 mit Antragsfrist bis Ende 1982 eine „Beihilfe“ von maximal 5000 DM gewährte. Für viele Opfer kam diese Entscheidung bereits zu spät.

Sowohl in der DDR als auch in der BRD fand eine Hierarchisierung der Opfergruppen statt; Sinti und Roma spielten dabei in beiden deutschen Staaten eine marginale Rolle. Deshalb war es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein besonderes Anliegen, an die 500 000 ermordeten Sinti und Roma zu erinnern. Auch aus Leipzig wurden laut dem Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma mindestens 280 Sinti und Roma deportiert, „von denen nicht mehr als 5 den Mord an ihrem Volk überlebten“.

Aus diesen Ausführungen leitet sich für uns die Verantwortung ab, mit Orten und damit auch Ortsbezeichnungen und bspw. Straßennamen bewusster umzugehen, um so ein würdevolleres Miteinander in einer demokratischen Zivilgesellschaft zu erreichen.

Text von der Recherchegruppe Maulwurf unter Mitarbeit von Richard Gauch (Leipzig Korrektiv)
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