Dokumentiert: „Roma in Tschechien – Das Geschäft mit der Roma-Armut“ von Christian Rühmkopf (Die Zeit)

Ein Drittel der Bewohner im tschechischen Josefov sind Roma. Der Bürgermeister will sie nicht in der Stadt haben – doch Immobilienunternehmer profitieren von ihnen. von Christian Rühmkorf

12. Dezember 2013  16:13 Uhr
Der Fremdenhass in der tschechischen Kleinstadt Josefov macht auch vor dem Bürgermeister nicht halt. Jiří Klepsa, breitschultrig und hochgewachsen, sagt Sätze wie diesen: „Wenn sie meinen Kindern etwas antäten, würde ich zuerst von meinem Bürgermeisterposten zurücktreten und dann bis auf den letzten Millimeter mit demjenigen abrechnen – persönlich“. Wen Klepsa damit meint, weiß hier jeder: die Roma von Josefov.

Jeder Dritte der rund 3.000 Einwohner in der osttschechischen k.u.k Festungsstadt aus dem 18. Jahrhundert ist ein Roma. Man spricht hier – wie fast überall in Tschechien – von „Weißen“ und „Schwarzen“. Eine „Zigeunerstadt“ sei Josefov, sagen die meisten „Weißen“, tschechische Zeitungen schreiben von einem Ghetto. Seit die tschechische Armee vor Jahren hier abgezogen ist und Dutzende der alten Kasernen an die Stadt übergeben hat, gibt es zwar massiven Leerstand. Trotzdem werden 100 Wohnungen, ein Drittel des städtischen Bestandes, gezielt nicht vermietet, erklärt Bürgermeister Jiří Klepsa.

„Wir wollen damit verhindern, dass weitere problematische Familien die Stadt überschwemmen.“ Die Roma-Familien kämen irgendwo aus dem Umland oder weiter aus dem Osten – Slowakei, Ungarn. „Dieses Land verteidigt sich nicht gegen den Zuzug, und deshalb müssen wir als Stadt das tun“, findet Klepsa. Was der Bürgermeister verschweigt: Die Stadt ermöglicht es gleichzeitig, dass Immobilienunternehmer aus der Situation der Roma hohe Profite schlagen können.

Immobilien zu Spottpreisen 

Über 400 ghettoartige Viertel gibt es nach Einschätzung der Regierungsagentur für soziale Integration mittlerweile in Tschechien – Tendenz steigend. Der Sommer 2013 stand im Zeichen anhaltender, gewaltsamer Anti-Roma-Proteste. „Asoziale Parasiten“, schreien ganz normale Bürger im Schlepptau der rechtsradikalen Arbeiterpartei (DSSS). In den Ghettovierteln – zumeist heruntergekommene Ecken der Altstädte oder Plattenbausiedlungen – leben die Familien von der Sozialhilfe.

Auch in Josefov werden viele heruntergekommene Gebäude ausschließlich von Roma bewohnt. Nicht-Roma lassen sich hier kaum blicken. Vermieter sei ein Unternehmer aus Hradec Králové, sagt ein Mann um die 40 Jahre in einem schäbigen Hinterhof knapp und winkt ab. Mehr will er nicht sagen. „Sehen Sie, so läuft das,“ meint Jiřína Jelínková und schüttelt den Kopf. Sie arbeitet im Amt für Denkmalschutz und war vor vielen Jahren auch einmal Bürgermeisterin. „Diese sogenannten Unternehmer sollte man auf dem Marktplatz an den Pranger stellen, die sind das größte Übel hier.“

Jiřína Jelínková holt tief Luft, dann erzählt sie: Die Stadt vermietet wegen der Roma keine Wohnungen mehr, stattdessen verkauft sie – oft zu Spottpreisen – ihre Immobilien an Geschäftsleute, und zwar ohne Nutzungsbedingungen. Die zerstückeln die Räume dann mit Trennwänden in kleinere Einheiten. Ihre Klientel: sozial schwache Roma, die keine Arbeit haben und woanders unerwünscht sind.

Damit diese überhaupt Sozialhilfe und Wohngeld bekommen, muss der Vermieter ihnen einen festen Wohnsitz bestätigen. Das tut er gern. Die Gegenleistung: Mieten von umgerechnet 400 Euro und mehr für Wohneinheiten, die mitunter nicht mal ein Bad haben. Wenn die Miete Mitte des Monats nicht bar auf der Hand ist, sitzen sie am nächsten Tag auf der Straße. Mit ihren Kindern. „Diese Leute leben in einer Art Sklavenhaltung“, sagt Jiřína Jelínková.

„Wir haben keine Wahl, wir sind Zigeuner“

Miroslav Baloun wohnt mit seiner Familie in einem tristen Plattenbau am Stadtrand von Josefov, Büroräume aus der sozialistischen Zeit jenseits der letzten Festungsmauer. Drei lange Sommermonate waren die Balouns ohne Wasser. Der Vermieter soll „Probleme“ mit dem Wasserwerk gehabt haben. „Wir haben bei den Leuten um Wasser betteln und dafür bezahlen müssen“. Dabei schulde er niemandem einen Heller, klagt Baloun. Der Vermieter komme nur einmal im Monat vorbei, halte die Hand auf und kassiere 600 Euro Miete. Das ist genau der Betrag, den die Balouns an staatlicher Unterstützung erhalten.

Als sie ausziehen wollten, drohte der Vermieter, die Kaution von stolzen 1.300 Euro zu behalten. „Aber wir haben ohnehin keine Wahl, wir bekommen woanders keine Wohnung. Wir sind Zigeuner.“ Laut Gesetz kann der Staat die Sozialleistungen sogar direkt auf das Konto des Vermieters umleiten, wenn der Mieter Schulden hat. Daraus machen manche ein lukratives Geschäft, auch woanders in Tschechien, bestätigt das örtliche Sozialamt.

Es ist ein Geschäft mit der Armut. Und das wird wohl noch eine Weile so weiter gehen. Denn ein Konzept für soziales Wohnen gibt es in Josefov nicht. Man arbeite daran, sagt Bürgermeister Klepsa, Arbeitstitel: Wohnung als Belohnung. Das Konzept dahinter verspricht nichts Gutes und es liegt auch ganz auf Klepsas Linie: „Wer sich nicht anpasst, der muss eben am Rande der Gesellschaft in seinem Bauwagen wohnen.“

Abgerufen am 18.12.2013 23:10 Uhr Link: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-12/roma-tschechien

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ANMERKUNG: Wir als Recherchegruppe Maulwurf weisen darauf hin, dass wir diesen Artikel aus dokumentarischen Gründen ausgewählt haben. Die Verwendung der pejorativen Z Wort Begrifflichkeit lehnen wir genauso ab wie nebulöse Begriffe wie „Fremdenfeindlichkeit“. Hier geht es um Rassismus!  Schade finden wir es, dass der/die Artikelschreiber_in es versäumt hat, auf bestimmte Dinge wie Selbstbenennungsrecht und alles, was damit zusammenhängt, hinzuweisen. Eine schärfere Verurteilung dessen, was hier beschrieben wird, hätte ebenso stattfinden können. Dass die Kommentare unterhalb des Artikels wiederum größtenteils widerwärtigste Stereotypen und blanken Rassismus unverhüllt wiedergeben ist für uns darüber hinaus ein weiterer Beleg dafür, dass dringender Handlungsbedarf in Richtung einer demokratischen Gesellschaft, in der Menschenrechte für alle gelten, besteht.

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ein Kommentar

  1. Hat dies auf Der Paria rebloggt.

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