Lokale Verdrängungsängste – Wie die tschechische Provinzpresse alltäglichen Antiziganismus reproduziert (Beitrag von kapturak)

Dass die Nazi-Gruppierungen von DSSS oder jetzt den Tschechischen Löwen, wie die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit gezeigt haben (siehe dazu Beitrag auf dem Blog), vor Ort jeweils recht leicht eine große und sehr aggressive Menge „gewöhnlicher“ Einwohner zu Anti-Roma-Märschen mobilisieren können, weist auf eine tief verwurzelte antiziganistische Grundeinstellung in weiten Kreisen der Bevölkerung hin. Die Ressentiments werden dabei eben nicht nur von rechtsradikalen Kreisen geschürt und in den sozialen Netzwerken verbreitet, sondern sind auch ein regelmäßiger Bestandteil öffentlicher Debatten insbesondere in den lokalen und regionalen Medien.

Wie das funktioniert, soll hier einmal exemplarisch an aktuellen Artikeln aus der Zeitung Deník, die mit ihren über 100 Regionalabteilungen eine dominierende Position in der tschechischen Provinz einnimmt, gezeigt werden. Ohne genauere Überprüfung der konkreten Hintergründe geht es mir rein um die Art und Weise dieser Berichterstattung, um die Perspektive und um das, was hier sprachlich transportiert wird. So verschieden die lokalen Verhältnisse auch gelagert sein mögen, es sind doch Darstellungen und Schreibweisen wie sie in der tschechischen regionalen und auch überregionalen Presse in Variationen ganz unabhängig vom jeweiligen Kontext in großer Regelmäßigkeit vorzufinden sind.

»Roma besetzen Děčíner Viertel Boletice!«

lautete eine Meldung vom 6.8.2013 (siehe auch Folgeartikel vom 8.8.2013). Über das Wie und Warum dieser „Besetzung“ erfährt man im folgenden Bericht wenig. Vage heißt es, dass in der letzten Zeit mindestens einige Dutzend Roma in Wohnungen privater Eigentümer in das Viertel der an der Elbe gelegenen 50 000 Einwohner-Stadt gezogen seien. Genaue Zahlen seien aber nicht bekannt. Dagegen wird ausführlich über die Angst und die Beschwerden von Anwohnern berichtet. Diese stört im Grunde allein die Präsenz und das alltägliche Verhalten der Roma, welche sich vor dem Plattenbau aufhielten, sich dort Stühle und Tische aufgestellt hätten und herumsitzen würden. „Man kann nicht sagen, dass sie brüllen wie im Wald, aber wenn sich dort 20 Leute unterhalten, ist das ein Lärm“ beschreibt das einer der Bewohner der Siedlung, der anonym bleiben will. Obwohl kein Anstieg an Kriminalität nachweisbar sei, hat man die Polizeipräsenz im Viertel verstärkt. Der Bürgermeister würde gerne den Zuzug „problematischer Personen“ verhindern oder sie umsiedeln – das sei aber nicht möglich. Man wolle aber zumindest mit den Hauseigentümern reden.

»Sie fürchten sich vor den Roma. Die Haltestelle haben sie zugemauert, aus der Kneipe einen privaten Klub gemacht.“

wird in einem Artikel am 9.8.2013 wiederum bei deník.cz aus der kleinen ostböhmischen Gemeinde Staré Ždánice gemeldet. Auch hier geht es um zugezogene Roma, beziehungsweise um die Sorgen der weißen Anwohner. „Das ganze Problem begann vor drei Jahren“ beginnt die Darstellung. Damals haben Roma wohl begonnen, sich in einer eigentlich für Seniorenwohnungen vorgesehenen Anlage niederzulassen. Statt friedlichen Rentnern gebe es nun Ruhestörungen, öffentliche Unordnung, Zerstörungen, Diebstahl, Konflikte auf dem Spielplatz. Auch von einem Fall von öffentlichem Oralsex weiß der stellvertretende Bürgermeister zu berichten.

Glaubt man der Darstellung, so scheint unter den Anwohnern die reinste Panik zu herrschen. Eine Frau berichtet, wie sie sich und ihre beiden Kinder im Auto aus Angst vor Übergriffen einschließt. Verwiesen wird auf vorsorgliche Verteidigungsmaßnahmen mit Hunden und Pistolen. Aus einer Kneipe wurde ein privater Klub, in den man nur als registriertes Mitglied Einlass findet und die Bushaltestellen nahe den von Roma bewohnten Gebäuden wurden zugemauert, denn diese seien als öffentliche Toiletten und des Nachts von der Roma-Jugend genutzt worden. Die Gemeinde wehre sich also gegen die „Unanpassungsfähigen“ soweit sie kann. Auch hier will man die Eigentümer der Immobilien von der Weitervermietung an Roma abbringen.

Eine Petition, in der gefordert wird „Ordnung zu schaffen“, wurde initiiert – schon fast ein Drittel der 600 Einwohner hat bislang unterschrieben.

»Roma verwechseln neuen Brunnen mit Schwimmbad, ärgern sich die Kraslicer«

ist eine weiterer Beitrag aus der jüngeren Vergangenheit (31.7.2013) überschrieben.

Stein des Anstoßes ist hier ein Brunnen im neuhergerichteten Stadtzentrum des westböhmischen Kraslice. Der Autor des Artikels stellt zunächst fest, dass Romafamilien den Brunnen „okkupiert“ hätten und diesen als Bad bzw. Schwimmbad missbrauchten. Roma würden sich dort mit Seife waschen, was wiederum andere Badende, vor allem kleine Kinder beeinträchtige. Die Darstellung ist schon in sich widersprüchlich genug.

Wieso hier auf ein absolutes Badeverbot gepocht und gleichzeitig die Störung anderer Badender verurteilt werden kann, findet keine Erklärung. Das Badeverbot gilt wohl in erster Linie für Roma.

Später ist dann auch gar nicht mehr von Roma die Rede, sondern nur von Vandalen, die den Brunnen mit Abfällen wie bspw. Essensresten verschmutzen. Inwieweit es sich hierbei um Roma handelt, wird nicht nachgewiesen. Dass es doch eigentlich recht unwahrscheinlich ist, dass die selben Leute, die den Brunnen zumüllen, sich dort auch mit Seife waschen, fällt am Ende gar nicht auf, denn das Urteil über die Roma als Brunnenvergifter steht schon von Beginn an fest.

Die lokale Gemeinde und die Anderen

Vokabeln wie „Okkupieren“ und „Besetzen“, die immer eine intendierte, aggressive und verdrängende Bedeutung in sich tragen, geben die Richtung vor – häufig schon in den Überschriften der Zeitungsartikel. Der Zuzug wird per se als beängstigend dargestellt. Konkrete Zahlen sind allerdings meist unbekannt.

Überhaupt befasst man sich nirgends auch nur ansatzweise mit der Situation der Roma; nach den Ursachen für deren Migration wird nicht gefragt. Viel eher wird mit dem Verweis auf das häufige Umziehen nebenbei noch das alte Bild vom nomadischen, heimatlosen, nicht verwurzelten „Zigeuner“ aufgerufen.

Zwischen „Alteingesessenen“ (starousedlíci) manchmal auch einfach „die Örtlichen“ (místní) oder „örtlichen Leuten“ (místní lidé) und den Zuziehenden bauen die Texte regelmäßig eine Opposition auf. Die lokale Gemeinschaft kann dabei sogar situativ auf heimische Roma ausgedehnt werden, wenn diese sich angeblich ebenfalls über die Neuankömmlinge mokieren. Das widerspricht zwar der gängigen Rede von den eben nicht besserungsfähigen „Nichtanpassungsfähigen“ (nepřizpůsobiví), hilft durch diese Hierarchisierung aber umso mehr, den „neuen“ Romagruppen ein bewusstes Fehlverhalten zuzuweisen und funktioniert ähnlich wie der gängige Vergleich mit den zwar ebenfalls „Anderen“ aber wenigstens als anständig und arbeitsam gekennzeichneten tschechischen Vietnamesen.

Ein Wir-gegend-die-Anderen-Bild liegt allen Darstellungen zugrunde. Die Kraslicer und die Roma sind zwei verschieden Gruppen; es ist klar, wenn von Kraslicern die Rede ist, dass dies die Roma nicht mitmeint. Die ethnische Perspektive ist implizit immer bekannt. Der Leser weiß, ohne,dass es ausgesprochen werden müsste, dass die von Roma-Seife beeinträchtigten Kinder im Brunnen der (weißen) Gruppe des Schreibers und des Adressaten zugehörig sind.

Die meisten Artikel sind zudem – vermeintlich objektiv – mit großen Zitatstrecken bestückt. Zu Wort kommen aber fast ausschließlich ortsansässige Weiße sowie Vertreter von Polizei und Gemeinde. Die Roma selbst werden bis auf Ausnahmen nicht gefragt und bleiben als anonyme einheitlich agierende Bedrohungsmasse allein auf ihre zugewiesene Rolle als problematisches Kollektiv reduziert. Als „problematische Personen“ oder eben „Nichtanpassungsfähige“ werden sie als Gruppe unter pejorative Sammelbegriffe gefasst, die ihnen im Grunde auch keine andere Rolle mehr erlauben.

Gestörte Ordnung – Das „Zigeunerlager“ in der Kleinstadt

Die Darstellungen gehen von Vorurteilen und Vermutungen aus. Unordnung wird bei Roma vorausgesetzt. Ein „vorbildlich geschnittener Rasen“ und das saubere Straßenbild erscheinen in einem von Roma bewohnten Viertel geradezu überraschend und sind extra zu betonen.

Allein das gemeinsame Auftreten der Roma in größeren Gruppen wird oft schon zur Störung der lokalen Ordnung stilisiert. Ohne Unterschied vermischen die Autoren Kriminalität mit harmlos anmutenden Verhaltensweisen wie etwa das sommerliche Sitzen auf der Straße, das Spielen der Kinder vor den Plattenbauten und das Abhängen der Jugendlichen in einer Bushaltestelle.

Auch die sittliche Ordnung des Stadtraums scheint durch die „Unanpassungsfähigen“ gefährdet – neben dem „Sexskandal“, wird aus Staré Ždánice auch von der Pöbelei einer betrunkenen, angeblich schwangeren Romni berichtet, als wenn das ein ethnisches Merkmal bestätige.

Verschärfte Kontrolle – staatliche Ohnmacht – Selbstverteidigung

Von solchen Sichtweisen geleitet werden die diskriminierenden behördlichen Maßnahmen, insbesondere die verschärfte polizeiliche Überwachung und der Einsatz von Kriminalpräventionsassistenten in den einschlägigen Wohngegenden, natürlich nicht mehr in Frage gestellt.

Parallel dazu wird in der Berichterstattung durch das wiederholte Betonen fehlender offizieller Möglichkeiten der Stadt, sich gegen die Zuwanderung und das Verhalten der Roma zu wehren (man werde ja gleich der Diskriminierung gescholten, Zuwanderung könne man tschechischen Staatsbürgern leider nicht versagen, gegen das gesellige auf-der-Straße-Sitzen gebe es auch keine rechtliche Handhabe, genauso wenig wie gegen die privaten Hauseigentümer usw.) und dem gleichzeitigen Aufbauschen der Bedrohungssituation mehr als nur unterschwellig Selbsthilfe und Selbstjustiz der weißen Einheimischen als einziger verbleibender Weg vorgezeichnet.

Möglichkeiten derartiger Selbsthilfe-Maßnahmen sind in den Artikeln angedeutet – defensiv als verstärkter sozialer Ausschluss etwa durch die Umwandlung der örtlichen Kneipe in einen privaten Klub oder offensiv als demonstrative Wehrhaftigkeit mit Hunden oder Waffen.

Dass damit auch die Bereitschaft befeuert wird jenen zu folgen, die im Gegensatz zu Staat und Politik etwas gegen die scheinbare Bedrohung unternehmen, ist kaum zu bezweifeln – fraglos eine gute Grundlage für Hassdemonstrationen und Pogrome.

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von kapturak)
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2 Kommentare

  1. Anmerkungen:

    Wir, das heißt die Gruppe Maulwurf bevorzugen eher den Begriff Antiromaismus für das hier Beschriebene, da wir den „Antiziganismus“ Begriff für hinterfragungswürdig, nicht angemessen und verletzend erachten. Mit dem Autor kapturak haben wir Konsens darüber das der AZ Begriff diskussionswürdig ist. In Zukunft werden wir mehr versuchen diese Erkenntnis in unsere Arbeit einfließen lassen und entschuldigen uns hiermit ausführlich für etwaige Iritierungen.
    Auf der anderen Seite möchten wir gerne noch auf einen ORF Report aufmerksam machen der ein Steh- und Sitzverbot in der tsch. Stadt Rotava 2011 thematisiert. Link hier: https://marikaschmiedt.wordpress.com/stehverbot-fur-roma-standing-prohibited-for-roma/

    Maulwurf

  2. […] in den tschechischen Medien (ob in Zeitungen oder im Fernsehen – siehe auch  Hetz-TV und Lokale Verdrängungsängste) stellt sich die Frage nach medialen Gegenreaktionen und Gegendarstellungen. Abgesehen von der […]

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