Anti-Roma Demonstrationen in acht tschechischen Städten

Am gestrigen Samstag, den 24.8.2013, fanden in insgesamt acht Städten der Tschechischen Republik Demonstrationen bzw. Märsche gegen Roma statt, an denen insgesamt ca. 1500 Personen teilnahmen. In mehreren Städten gab es Versuche, in hauptsächlich von Roma bewohnte Straßen einzudringen oder Gegendemonstrationen anzugreifen. Es kam zu 101 Festnahmen und rund 25 Verletzten. Vielerorts gab es Gegendemonstrationen und -aktionen, bei denen sich insgesamt rund 1000 Menschen versammelten.
Die Ereignisse sollen nun kurz der (alphabetischen) Reihenfolge nach beschrieben werden, um ein Gesamtbild dieses Tages zu zeigen.

Märsche und Ereignisse in den verschiedenen Städten

In Brno trafen sich ungefähr 30 Nazis zu einer unangemeldeten halbstündigen Demonstration. Die Polizei konnte die Gruppe daran hindern, in eine v.a. von Roma bewohnte Straße einzudringen. 60 GegendemonstrantInnen hatten sich daneben unter dem Motto „Gegen Rassismus und Gewalt“ zu einem Happening zusammengefunden, um so nach eigenen Angaben frustrierten Mitbürgern zu helfen, ihre „schwarz-weiß“ Sicht zu ändern.

Auch in České Budějovice riefen Nazis erneut zu einer Demonstration auf, diesmal „gegen das System der Sozialleistungen und gegen schwarzen Rassismus“. An diesem Samstag wurde die genehmigte Route von den etwa 100 TeilnehmerInnen zwar zunächst eingehalten, jedoch versuchten nach Ende der Veranstaltung rund 80 Personen erneut, in die Siedlung Máj einzudringen, wo sich der „Volkszorn“ schon bei zurückliegenden Demonstrationen entladen hatte. Es wurden zehn Personen festgenommen.

Ebenfalls in der nördböhmischen Stadt Děčin, wo es am 21.8. zu einem Naziangriff auf ein u.a. von Roma bewohntes Haus gekommen war, waren ca. 80 Personen zusammengekommen, um „gegen schwarzen Rassismus, Polizeigewalt und soziales Unrecht“ zu demonstrieren. Glücklicherweise verlief dieser Marsch ohne gewalttätige Zwischenfälle.

Der mittlerweile dritte Anti-Roma-Marsch mit 250 bis 300 TeilnehmerInnen fand – diesmal ohne pogromartige Zustände – in Duchcov bei Teplice statt. Zu diesem hatte die DSSS aufgerufen. Um dem Mob etwas Positives entgegenzusetzen fand zum wiederholten Male eine Gegenaktion mit Musik und Redebeiträgen statt.

Daneben hatte die DSSS auch für die nordöstlich von Prag gelegene Stadt Jičin einen Demonstrationsaufruf veröffentlicht, dem insgesamt 50 Personen gefolgt waren.

Ostrava erlebte am zurückliegenden Samstag die schlimmsten Zusammenstöße zwischen Nazis und Polizei, bei denen ca. 60 Personen festgenommen und 25  verletzt wurden. Insgesamt hatten sich etwa 600 bis 800 Nazis und BürgerInnen versammelt. Auch die Gruppen „Stop rasovým útokům“ (dt. „Stopp rassistischen Angriffen“) sowie die Nazivereinigung „Čeští lvi“ (dt. Tschechische Löwen) hatten sich dem Marsch angeschlossen. Nachdem die Versammlung vor dem Neuen Rathaus beendet worden war, setzten sich die TeilnehmerInnen abweichend der angekündigten Route in Bewegung. Im Verlauf begann eine Gruppe von rund 100 Nazis, Steine und Flaschen auf ein u.a. von Roma bewohntes Haus zu werfen und lieferte sich anschließend ein Katz und Maus Spiel mit der Polizei, bei dem die Nazis Rauchbomben warfen und Barrikaden errichteten. Die Polizei setzte Tränengas ein und nahm insgesamt mehr als 60 Personen fest (genauer zu den Ereignissen in Ostrava siehe engl. Beitrag von romea.cz)

In Plzeň hatte der sog. „Svobodný odpor“(dt. „Freiheitlicher Widerstand“) dazu aufgerufen, „gemeinsam gegen Z[…]-Kriminalität und Polizeibrutalität“ zu marschieren, was rund 150 Personen unterstützenswert fanden. Im Laufe des Marschs gab es mehrere Festnahmen, u.a. wegen Vermummung. An der Gegendemonstration, die u.a. einen Gottesdienst umfasste, nahmen ca. 300 Menschen teil.

Auch in Varnsdorf  im sog. Šluknover Zipfel hatten sich eine handvoll Nazis sowie 40 AnwohnerInnen eingefunden, die durch die Stadt liefen.

Satirische Gegenveranstaltung in Prag

Um dem braunen Mob etwas entgegenzuhalten hatte die Initiative „Čechy v ČR nechceme!“ (dt. „Wir wollen keine Tschechen in Tschechien“ angelehnt an die Initiative „Neonacisty v [Name der Stadt] nechceme“ – dt. „Wir wollen keine Neonazis in …“) in Prag zur Aktion „Pochod proti Čechům“ (dt. „Marsch gegen Tschechen“) aufgerufen. Bei diesem Marsch, der von 50 TeilnehmerInnen besucht wurde, wurden Plakate mit Aufschriften wie „Tschechien gehört nicht den Tschechen“ oder „Wir geben Tschechien den Tschechen nicht“ hochgehalten und skandiert, die Parodien auf häufig während Nazis-Aufmärschen in Tschechien zu hörende Phrasen darstellen. Die Initiative richtet sich laut eigenen Angaben gegen Stereotype, die mit Tschechen verbunden sind. Bezeichnenderweise wurde der Marsch durch Prag zunächst angeführt von Holzbock Tollpatsch aus dem Kinderbuch Ferdy die Ameise, der – in kurzer Hose, Tennissocken, Sandalen und mit Bierbauch, Bier und einer Lidl-Tüte ausgestattet – später symbolisch gehängt wurde.

Äußerungen des Präsidenten Miloš Zeman

In einem Interview verurteilte Präsident Zeman die Anti-Roma-Märsche und Demonstrationen. Um die Situation der Roma zu verbessern, so Zeman, müsse man die „weiße Mafia“ bekämpfen, die mittels der Roma Sozialleistungen ausnutze. Er spielte damit auf die häufig völlig überteuerten Mieten an, welche Spekulanten und Hausbesitzer häufig von Roma-MieterInnen verlangen. Diese Mieten werden ggf. durch staatliche Leistungen bezahlt. Auch wenn positiv hervorzuheben ist, dass der Präsident sich zu den Anti-Roma-Märschen überhaupt äußert (denn das war bislang keineswegs selbstverständlich), so wirft er doch erneut alle in einen Topf, da seine Grundannahme ist, dass Roma generell Sozialleistungen beziehen.

Resümee

Insgesamt verlief der 24.8.2013, der im Vorfeld Ängste schürte hinsichtlich einer Wiederholung von Pogromen und deren Unterstützung durch BürgerInnen wie etwa in Litvínov 2008, glücklicherweise ohne unmittelbare Angriffe auf Roma. Nichtsdestotrotz möchte ich festhalten, dass die Stimmung, die diesmal in gebündelter Art und Weise verbreitet wurde, den damit gemeinten und oft im Alltag direkt betroffenen Roma einmal mehr die rassistische Grundtendenz der Gesellschaft überdeutlich vor Augen führt.

Für die Nazis mag dieser Samstag wohl aufgrund einer geringeren TeilnehmerInnenzahl als erwartet eher enttäuschend gewesen sein. Nicht zu unterschätzen ist, dass es bei dieser Aktion auch um die Bündelung von nationalistischen Kräften aus „DSSS“, „Svobodný odpor“ und „Čeští lvi“ ging. Die Anmeldung von Märschen in vielen Städten der Republik stellte nicht zuletzt einen Versuch dar, die eigene  Anziehungskraft zu testen. Denn Aufmerksamkeit möchte die DSSS auch in Anbetracht der noch in diesem Jahr stattfindenden Wahlen gern auf sich ziehen, um so dem konservativen Lager aus ODS, TOP09 und VV, welche sonst gern auch mal im ganz rechten Spektrum auf Stimmenfang gehen, einen Schritt voraus zu sein.

Feststellen möchte ich noch zwei Dinge: Zum Einen gab es wie bereits erwähnt mehrere Festnahmen wegen Vermummung. Die Polizei scheint hier härter durchzugreifen als bislang, denn bei bisherigen Anti-Roma-Demonstrationen wie bspw. in Duchcov oder anderen Städten gab es zahlreiche vermummte TeilnehmerInnen, die jedoch nicht gezielt von der Polizei aufgegriffen wurden. Zum Anderen ist m.E. interessant, dass in mehreren Städten explizit auch zur Demonstration gegen Polizeigewalt aufgerufen wurde, was sich auf das entschiedene Vorgehen der Polizei bei vorangegangenen Märschen der Nazis und BügerInnen in České Budějovice oder Duchcov bezieht. Einmal mehr wird damit eine angebliche Opferrolle eingenommen, die die „slušné lidi“ (dt. „anständige Leute“, d.h. die weiße Mehrheitsbevölkerung) im Gegensatz zu den „nepřizpůsobivý“ (dt. „Unanpassungsfähige“) als Opfer des Systems sieht, deren Sorgen nicht Ernst genommen werden, sondern deren Recht auf Meinungsäußerung stattdessen noch von der Staatsgewalt brutal unterdrückt wird, während der Staat seine Minderheit protegiert und bspw. bei Sozialleistungen bevorzugt behandelt (so eine persönlich oft gehörte Äußerung) (diesen Satz müsste ich eigentlich komplett in Anführungsstriche setzen).

(Zajiček von der Recherchegruppe Maulwurf)
 
Quellen:

–  Romea.cz zusammenfassend über die Ereignisse in versch. Städten
České Noviny zusammenfassend úber die Ereignisse (Englisch)
– Bericht des Tschechischen Fernsehens ČT24

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3 Kommentare

  1. In Ostrava sind wohl auch polnische Nazis zur Unterstützung über die nahe Grenze gekommen:
    http://www.denik.cz/galerie/130825-ostrava-demonstrace.html?mm=4693803

  2. COMMENT FROM MIROSLAV (KONNEXE ORGANISATION)

    Hello everybody,

    I have info on the events of 24th of August in Czech Republic. We made it. Nobody (Roma or activists) was injured, rasists did not break through police barricades. But it was tight. Especially in Ostrava, we just had a luck, In one moment on Saturday afternoon, we thought maybe killing of Roma is coming there.

    We focused Konexe operations into four towns in Usti nad Labem Region – Duchcov, Decin, Varnsdorf and Usti nad Labem.
    Our main event was street festival in Duchcov in the streets were the majority of local Roma lives, to prevent rasists to march to this location. We succeeded, everything went well despite the high number of antiroma crowd (500 people). Police had the control.
    We also supported Roma community in Decin, we had a emergency team (psychologist, doctor, securiotyx expert, …) in target building of antiroma demonstration which was announced just in front of this building. Rasists had low numbers, just 100 people, because of our mobilisation many Roma from other parts of the town came to support Roma in target building, so rasists gave up and went home.
    We had activists teams like this also in Usti nad Labem and Varnsdorf, but we did not use them. Almost no people gathered in these two towns. It was because all the rasists were in the other end of the country in Ostrava.

    In Ostrava counterdemonstration was organized by the group of Roma, NGO people, activists. We supported them before the 24th and we were cooperating. Unfortunately all of the people in this team had no direct experiences with demonstrations. They had perfect reservation in the beginning – they had announced their own demonstrations on the two important squares and some strategical streets. They they wanted to organize peaceful assembly on one of the squares from where goes the road to Roma neighbourhood. They wanted to prevent rasists to go there.
    In the week before 24/8 they canceled their reservation of one square and of streets because police and town office asked them to do so (we would never do this if they asked). Rasists did their own reservation to the empty square imidiately – so they got the legal place where they could gather their crowd. Then they started to march to the second square where peaceful Roma assembly was. Police and the city office asked the organizing team to cancel their protective counterdemo in this moment – and they agreed and ended the demonstration and evacuated participants by the buses. If they did not, Police would have to stop the antiroma march before reaching second square to protect the participants of the peaceful Roma assembly. But this assembly was cancelled, antiroma crowd passed the empty square and continued towards Roma neighbourhood. They were almost there when they were passing shelter house for single mothers and with starting flats for youngsters who left state care. They attacked the house and then after 4 hours street warfare were stopped by the police units. 21 police officers were injured, police deployed s.w.a.t. team unit during the demonstration for the first time (this summer seems to be „first time summer“ in many things for the czech police and also activists). The battle of police against hundrets of rasits was thrilling. In my opinion it was the most violent riot in Czech Republic ever. see the video http://youtu.be/anRBhGHugeY

    Situation in not getting calm. More events are coming. September will be critical month for us. On 15/9 ends our reservation in Duchcov and starts the reservation of rasists for the demonstrations in the Roma streets. on 14/9 ther will be antiroma march organized by the DSSS in Varnsdorf, 28/9 (czech national holyday st. Wenceslaw Day – nacis always have big demonstration on this day) rasists are going to march into Krupka- town with very strong and active Roma community. Most of Konexe members are from Krupka… The most serious information is that the rasists are preparing second „Nation-wide Anti Gypsy Protest Day“, this should be on 27/9.

    thanks for any kind of support

    All the best,

    Miroslav

    http://www.facebook.com/konexe

    Account nr. : 2500271703/8330
    Account Name: o.s. Konexe.
    IBAN: CZ43 2010 0000 0025 0027 1703.
    BIC NO: FIOBCZPPXXX.
    Variable symbol: 3332013.
    Bank Address: Fio Banka, a.s., V. Celnici 1028/10, Prague 1, Czech Republic

    our cash flow: https://www.fio.cz/scgi-bin/hermes/dz-transparent.cgi?ID_ucet=2500271703

  3. […] den Tschechischen Löwen, wie die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit gezeigt haben (siehe dazu Beitrag auf dem Blog), vor Ort jeweils recht leicht eine große und sehr aggressive Menge […]

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