Dokumentiert: „Kein Wasser für Roma“ (www.jungewelt.de)

Kein Wasser für Roma

Ungarische Kommune stellt Versorgung für Siedlung ein. Kulturhauptstadt Europas, Kosice, errichtet landesweit 14. Mauer gegen Nachbarn

Von Arnold Schölzel

Trotz extremer Hitze hat die Verwaltung der nordungarischen Stadt Ózd eine Roma-Siedlung von der Wasserversorgung abgeschnitten. Zur Begründung erklärte das Rathaus, die Roma würden Wasser »verschwenden«, das sei zu teuer für die Stadt. Ózd wird von Politikern der in Budapest regierenden rechtsnationalen Partei Fidesz, des Ministerpräsidenten Viktor Orbán verwaltet. Sie ist Mitglied der von CDU und CSU dominierten Europäischen Volkspartei (EVP). In der betroffenen Roma-Siedlung haben die Bewohner kein fließendes Wasser in den Wohnungen. Sie müssen sich deshalb an Hydranten auf der Straße versorgen. Doch gab es dort auf Anordnung der Stadt an diesem Wochenende teils gar kein Wasser, teils nur in sehr dünnem Strahl. In Ungarn stiegen die Temperaturen am Sonnabend und Sonntag auf 37 Grad im Schatten, die Hitzewelle soll weiter andauern.

Ungarns linke Oppositionsparteien protestierten gegen die Maßnahme. Sie sei nicht nur unmenschlich, sondern auch rechtswidrig und gefährlich für die Gesundheit im ganzen Ort, erklärte das vom früheren Premier Gordon Bajnai mitbegründete Oppositionsbündnis Együtt-PM (Gemeinsam–Dialog für Ungarn) am Montag. Együtt-PM verwies darauf, daß Ózd von der Schweizer Regierung 1,5 Milliarden Forint (etwa fünf Millionen Euro) geschenkt bekommen habe, speziell um die Wasserversorgung im Roma-Viertel einzurichten.

Der Vorfall wurde am Vorabend einer Gerichtsentscheidung zu einer Serie rassistischer Morde an Roma in Ungarn bekannt. Fünf Jahre nach deren Beginn wird am heutigen Dienstag in Budapest die Urteilsverkündung in erster Instanz erwartet. Bei den Anschlägen wurden sechs Roma getötet, darunter ein fünfjähriges Kind. Zehn weitere Opfer wurden schwer verletzt. Vor Gericht stehen drei Hauptangeklagte und ein Komplize. Bei ihren neun Anschlägen in den Jahren 2008 und 2009, also vor dem Wahlsieg von Fidesz und der neofaschistischen Jobbik-Partei im Frühjahr 2010, hatten sie laut Anklageschrift insgesamt 80 Gewehrschüsse abgegeben und Dutzende Brandsätze auf von Roma bewohnte Häuser geworfen. Das Urteil des Gerichts fällt eine Woche vor dem Ende der Frist, nach der die Angeklagten aus dem Gefängnis entlassen werden müssen, falls sie bis dahin nicht verurteilt werden. Die mutmaßlichen Täter sitzen seit 2009 in Untersuchungshaft.

Gleichzeitig häufen sich Berichte über Rassismus gegen die Roma-Minderheit in der Slowakei und in Tschechien. Die sozialdemokratische SMER-Regierung unter Ministerpräsident Robert Fico in Bratislava kündigte Ende der vergangenen Woche an, Roma-Siedlungen, die ohne Genehmigung errichtet wurden, zu schleifen. Laut der Wiener Tageszeitung Die Presse hat ein Stadtbezirk im ostslowakischen Kosice, neben Marseille europäische Kulturhauptstadt 2013, kürzlich eine 30 Meter lange und zwei Meter hohe Mauer errichten lassen, um »nicht anpassungsfähige« Roma abzugrenzen. Landesweit handele es sich um die 14. Mauer dieser Art.

In Tschechien organisiert eine unter dem Namen »Tschechische Löwen« auftretende neofaschistische Gruppe seit Wochen Märsche gegen Roma. Die Neonazis erhalten dabei zunehmend Beifall von der Mehrheitsgesellschaft. Am Sonnabend setzte die Staatsbahn Sonderzüge für Neonazis ein, die im nordmährischen Vitkov aufmarschierten. Dort war vor vier Jahren bei einem ähnlichen Aufzug ein damals zweijähriges Roma-Mädchen bei einem Brandanschlag schwer verletzt worden.

Quelle: Junge Welt vom 6.8.2013 Zugriff 9.8.2013 18:44 Uhr
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ein Kommentar

  1. […] ist auch verboten, schier unendlich die Möglichkeiten einer richtigen Diktatur. Inklusive Wasserabstellen in heißen Sommermonaten in Dörfern, wo die ärmsten der Armen wohnen. Aber immerhin, wir wollen […]

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