Dokumentiert: »Wir versuchen, den Roma in Ungarn zu helfen« (www.jungewelt.de)

07.08.2013

»Wir versuchen, den Roma in Ungarn zu helfen«

Dresdner Initiative betreut Projekt im Mátra-Gebirge: Pflanzenanbau, Tierzucht, Sprachunterricht. Ein Gespräch mit Stephan Bosch

Interview: Gitta Düperthal
Stephan Bosch ist aktiv in der Initiative »Leipzig Korrektiv«, die sich gegen Antiziganismus in Ungarn engagiert

Die Berichte über rassistische Gewalt gegen die Roma-Minderheit in Ungarn häufen sich. Die Bürgerinitiative »Leipzig Korrektiv« setzt sich deshalb für ein von der ungarischen »Bürgerrechtsbewegung für die Republik« betreutes Hilfsprojekt im Dorf Kálló ein. Was wollen Sie bewirken?

Zunächst: Das Dorf Kálló hat etwa 1 000 Einwohner, und liegt am Fuß des Mátra-Gebirges im Norden Ungarns. Etwa 50 Prozent der Bewohner sind Roma und leben in großer Armut. Aus der normalen ungarischen Gesellschaft, die den Alltag in Arbeitsteilung bewältigt, sind sie ausgeschlossen. Wir unterstützen sie deshalb mit einem Projekt der Subsistenzwirtschaft.
Wir fördern die landwirtschaftliche Selbstversorung. Die Dorfbewohner lernen, Pflanzen anzubauen und Kleintiere zu halten. Es geht aber auch darum, aus gesammeltem Papier Bio-Briketts herzustellen. Das ist übrigens das einzige, was Roma straffrei sammeln dürfen. Wer Treibholz im Fluß oder herumliegendes Geäst im Wald aufliest, macht sich strafbar.
Es geht auch darum, Nachhilfeunterricht für Kinder auf die Beine zu stellen. Wie in anderen EU-Staaten werden Roma-Kinder in Ungarn oft in Sondereinrichtungen für Kinder mit geistiger Beeinträchtigung eingeschult, in denen sie nicht ausreichend gefördert werden. Das Projekt sichert hauptsächlich das reine Überleben ab. Um einen Eindruck von der Diskriminierung in Ungarn zu bekommen: Wer dort von Roma spricht, benutzt mitunter einfach nur das Wort »Dieb«.Was für eine Initiative ist die »Bürgerrechtsbewegung für die Republik«, die das Projekt im Land organisiert?

Ihr gehört zum Beispiel ein ehemaliger Parlamentarier an, der in Opposition zur dort regierenden nationalkonservativen Regierung Fidesz unter dem Ministerpräsidenten Viktor Orbán steht. Er ist selbst ein Rom. Dabei sind auch ein 70jähriger Brite, der Englisch unterrichtet, ein Deutscher, der ebenfalls Sprachunterricht gibt sowie eine deutsch-ungarische Kulturwissenschaftlerin.Wie wird das Projekt finanziert?

Zu 90 Prozent finanziert es die Schweizer Stiftung »Swiss fund«. Der Eigenanteil, den die Bürgerrechtsbewegung aufbringen muß, umfaßt rund 900000 Forint, etwa 3000 Euro. Deshalb sammeln wir Spenden, 1500 Euro haben wir bereits.Wie kam es zum Zusammenwirken der Initiative »Leipzig Korrektiv« mit der ungarischen Bürgerrechtsbewegung?

Im vergangenen Jahr stand in Leipzig das Lichtfest, das an die Tradition der Montagsdemos anknüpft, unter dem Motto »Ungarn – Grenzen überwinden«. Die Stadtverwaltung hatte dazu einen Vertreter der Fidesz eingeladen. Wir hatten sie aufgefordert, die Einladung zurückzunehmen, weil diese Partei wegen ihres Umgangs mit den Roma keineswegs für demokratische Werte steht. Sie regiert mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit. Was diese Regierung als Gesetzgebung beschließen läßt, hat mit Rechtsstaatlichkeit häufig nichts mehr zu tun. Bei unserer Arbeit unterstützen uns »Kein Mensch ist illegal«, die »Vereinigung der ausländischen Bürger im Freistaat Sachsen e.V.« sowie Amnesty International.Sie haben im April in Ungarn recherchiert: Wie werden die Roma dort diskriminiert?

Schwarz[…]e[…] und Roma trauen sich manchenorts nur noch in Gruppen über die Straße. Die Roma-Ghettos sind häufig von der Wasser- und Stromversorgung abgeschnitten. Als uns Ungarn dort hinfuhren, redeten sie nur grinsend von »Gipsyland«, um dann schnell wieder zu verschwinden. Berührungspunkte zwischen Roma und der ungarischen Mehrheitsbevölkerung gibt es fast nur im öffentlichen Nahverkehr.
Die Stimmung ist aufgeheizt: »Wir sind ja keine Rassisten, aber…« fängt es oft an. Und dann geht das Geschimpfe gegen »die Zigeuner« los: Diebe, Verbrecher und Schmarotzer! Eine rassistische Gesetzgebung wurde eingeführt: Roma können demnach zur Zwangsarbeit eingesetzt werden, in Containern oder Baracken fern vom Wohnort untergebracht. Wer sich dagegen wehrt, kann für drei Jahre die Sozialhilfe gesperrt bekommen. Der Ausgrenzung auf politischem Weg zu begegnen, scheint ein langer und steiniger Weg. Wir versuchen, den Roma mit diesem Projekt zu helfen.

www.not-illegal.vereine-leipzig.org/index.php/buergerinitiative-leipzig-korrektiv.html

Quelle: www.jungewelt.de Zugriff 7.8.2013 17:11 Uhr

Anmerkung: Da im Text eine Begrifflichkeit verwendet wurde, die wir ablehnen, das Interview an sich aber ganz interessant ist, haben wir uns dazu entschlossen diesen in unserer Dokumentation unkenntlich zu machen, gleichwohl wir die Reproduktion diffamierender Wörter weder vertuschen, gar schön reden wollen. Weitere Informationenen beim braunen Mob e.V.

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