„Z Wort“ – sprachliche Reproduktion alter Stereotypen?

Guten Appetit: Z Wort im Alltag

Guten Appetit: Z Wort im Alltag

Die Debatten um das Thema der Diskriminierung von Roma und als „Z Wort“ stigmatisierten Personen scheinen gerade in der letzten Zeit (zumindest in einer antirassistisch interessierten Öffentlichkeit) nicht abzureißen. Nicht erst seit der Veröffentlichung des zweiten Bands der Reihe „Antiziganistische Zustände“ (Münster 2013) unter Federführung von u.a. Markus End (vom Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin) und den kritischen Reaktionen nach einer Buchvorstellung (siehe dazu den Artikel „Wer spricht in der Antiziganismusforschung” von Filiz Demirova auf dem Blog „Der Paria“ vom 26.3.2013) muss mensch sich einige Fragen stellen. Welcher Begriff trifft die Beschreibung, wenn es um Diskriminierung von Roma geht, am besten? Ist der Begriff „Antiziganismus“ überholt/aus Gründen des Respekts zu verwerfen (Vgl. hierzu auch „Antitsiganismus“ (sic!) im TAZ Artikel vom 16.07.2012: Festliche Unterzeichnung – „Tiefsitzende Vorurteile“ von B. Schirrmeister)? Stellen Begriffe wie Romaphobia/Antiromaismus eine allumfassende Alternative dar? Lässt sich uneingeschränkt von „Z Wort“ oder „Zi.“ (Susan Arndt) bzw. „Antiziganismus“ sprechen, wenn wir die Diskriminierung von Roma zu benennen versuchen? Ist die Bezeichnung „ziganistischer Rassismus“, wie sie u.a. Susan Arndt vorschlägt, ein adäquater Ersatz für „Antiziganismus“, um beide oben beschriebenen Formen zusammenfassen zu können? Was bedeutet Roma-Empowerment im Zusammenhang mit der Konstruktion von Ethnie und was hat das mit „critical whiteness“ zu tun?

Sicherlich lassen sich diese Fragen hier nicht vollständig oder gar befriedigend beantworten. Anhand eines Beispiels aus der Presse soll jedoch die Notwendigkeit aufgezeigt werden, eine Begriffsdebatte auch gerade außerhalb der Wissenschaftswelt anzustoßen.

Als Grundlage meiner Beschäftigung mit dem hier dargestelltem Themenbereich möchte ich folgende Ausführungen von Susan Arndt vorausschicken:

Das <Zi.>-Wort – <Zi.> statt <Z>, weil diese Menschen unter den Nazis mit einem <Z> gekennzeichnet wurden – stellt keine Eigenbezeichnung dar und trägt weder linguistisch, kulturell, religiös noch geographisch dazu bei, menschliche Gesellschaften sinnvoll zu klassifizieren. Indem der Begriff <Antiziganismus> dieses rassistische Wort in sein Zentrum stellt, suggeriert er, dass es diese Menschen überhaupt gäbe.“ (Susan Arndt: Die 101 wichtigsten Fragen – Rassismus, München, 2012)

Am 14.5.2013 wurde auf der deutschsprachigen Internetseite Pester Lloyd folgender Artikel veröffentlicht: „Der Best-practice-Zigeuner – Wie ein Roma als Bürgermeister in Ungarn seinen Ort umkrempelt“ (online abgerufen am 22.5.2013, 13:10 Uhr: http://www.pesterlloyd.net/html/1320bestpracticezigeuner.html).

Bereits die Überschrift stößt einem böse auf, findet hier doch das pejorative und verächtliche „Z Wort“ Anwendung und trägt somit zu seiner weiteren Popularisierung bzw. Verwendung des Begriffs bei. Nicht vergessen werden sollte, dass in den heutigen Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts, so z.B. im Polnischen, das Wort „[o]cyganić“, das vom betreffenden Begriff abgeleitet wurde, soviel wie „jemanden betrügen/Schwindel“ und „wycyganić“ ungefähr „jemandem etwas abbetteln“ bedeutet (Vgl. Wacław Długoborski in: „50. Jahrestag der Vernichtung der Roma“, Oświęcim, 1994). Selbst wenn aus stilistischen Gründen die provokante Verwendung dieses Begriffes gerechtfertigt sein könnte (darüber müsste mensch gesondert debattieren), hinterfragungswürdig ist dies trotzdem allemal, ist doch gerade im zweiten Teil der Überschrift die Rede von „Roma“, welche dadurch mit dem genannten Begriff semantisch in einen Zusammenhang gebracht werden (sollen). Somit werden gerade dadurch die Begriffsdebatten der 1980er, der Kampf der Bürgerrechtsbewegung in der Bundesrepublik D und allgemeiner gefasst das Selbstbenennungsrecht (es ist immerhin eine Überschrift!) der betreffenden Gruppe negiert. Und nicht nur in der Bundesrepublik lehnen die Selbstorganisationen der Roma den Begriff ab (so z.B. die „Vereinigung der Rom[a] in Polen“, vgl. ebd.). Zudem bleibt ohnedies die Frage offen, warum gerade in ein so sensibles Thema mit offensichtlich rassistischen Bildern (die mit dem kritisierten Begriff zusammenhängen) eingeleitet wird. Kurzum: Die Verteidigung einer solchen Begrifflichkeit tritt das Selbstbenennungsrecht der Sinti und Roma mit Füßen und ignoriert darüber hinaus geflissentlich verschiedenste Stellungnahmen von Vertreter_innen von Roma-Organisationen wie bspw. die Presseerklärung von Dr. Jan Cibula zum zweiten Roma Weltkongress 1978 (sic!) in Genf in der es heißt:

Wir wollen, dass diskriminierende Bezeichnungen wie „Z[…]“, „Gypsy“, Landfahrer usw. aus der Welt geschafft werden“.

Dies ist insbesondere auch unter dem Aspekt zu betrachten, dass der Text im Pester Lloyd mit großer Wahrscheinlichkeit von einem Weißen (gemeint als politischer Begriff), das heißt einem Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft geschrieben wurde. Überdies hinterfrage ich Begrifflichkeiten wie „asozialisierte Gemeinschaft“. Ist dem Autor des Textes im Pester Loyd, der mit m.s. signiert, nicht bekannt, dass gerade den Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus eine vermeintlich „angeborene Asozialität“ unterstellt wurde, was wiederum als Rechtfertigung ihrer Verfolgung und Vernichtung diente? Wenn mensch sich kritische Beiträge über Robert Ritter (ab 1936 Leiter der „Rassehygienischen und Erbbiologischen Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt“) anschaut, stellt mensch fest, dass damals versucht wurde Behauptungen pseudowissenschaftlich zu begründen, indem postuliert wurde, die „reinrassigen Z[…]“ seien angeblich nicht so schlimm (d.h. „asozial“ / kriminell) wie die „Viertel- und Achtelz[…]“ welche sich bekanntermaßen mit den „asozialen Elementen“ des „deutschen“ Volkes vermehren würden (Vgl. u.a. Wolfgang Wippermann, Verweigerte Wiedergutmachung, in: Standpunkte 14/2012). Schon allein hieraus ergibt sich die Schlussfolgerung, nicht wertfrei von s.g. „asozialen“ Eigenschaften sprechen zu können. Wolfgang Wippermann äußerst sich im Kontext von Roma zugeschriebenen „Eigenschaften“ wie folgt:

Außerdem wird mit der Konstruktion einer spezifischen <z[…]ischen Lebensweise> bestimmtes soziales, genauer gesagt <asoziales> Verhalten einer gesamten Volksgruppe zugeschrieben und damit ethnisiert. Dies kommt bereits einer rassistischen Denkweise ziemlich nahe.“ („Verweigerte Wiedergutmachung“, Seite 5 bis 6)

Ein bisschen mehr Sensibilität gegenüber einer Opfergruppe (gemeint sind die s.g. „Asozialen“), die bis heute in der Bundesrepublik D weder ein Denkmal, noch erinnerungspolitisch ein würdevolles Andenken geschweige denn Wiedergutmachungen erfahren hat, wäre angebracht (Vgl. telegraph- ostdeutsche zeitschrift++, Nur 116/117, Berlin, 2008). Wird das verkannt, drohen die vorgeschobenen „Argumente“ der damaligen Mörder_innen im Nachhinein legitimiert zu werden. Das hat überdies auch rein gar nichts mit einer vom Autor des Artikels in der Kommentarspalte weiter unten unterstellten Political Correctness zu tun, sondern schlichtweg mit Schlussfolgerungen aus der Erfahrung mit dem NS. Schließlich galten ja gerade diesem System alle Menschen als „gesellschaftsschädigend“ von denen die Nazis den „deutschen Volkskörper reinigen“ wollten. Also z.B. Sinti und Roma, Homosexuelle, Juden, handicaped people (Menschen SIND nicht „behindert“ sie werden es durch die Kategorisierung der Gesellschaft) und s.g. „Asozialen“ (damit waren im damaligen Verständnis gemeint: Alkoholiker_innen, Prostituierte, Obdachlose, Querulanten und Arbeitslose).

Äußerst bedenklich finde ich darüber hinaus auch, warum der im Artikel porträtierte Bürgermeister László Bogdán als Rassist bezeichnet wird (bzw. gerade die Kommentare zitiert werden, in denen er dies selbst vornimmt) wenn er streng gegenüber Menschen auftritt, die anfällig für kriminelle Handlungen in seinem Dorf sein könnten.

Im Text liest sich das im Teaser wie folgt:

Dabei geht er mit den eigenen Leuten mitunter sehr ruppig, ja schon autorassistisch um […]“

Und weiter:

So resolut […] er gegen sein eigenes Volk zum Rassisten wird. […]  Dass an diesem Programm nur Roma teilnehmen, […] was ja Rassi[s]mus gegen sich selbst demonstriert, diese Frage stellt sich für Bogdán nicht.“

Formulierungen wie „eigene Leute“ hingegen suggeriert wiederum, dass alle Roma irgendwie verwandt miteinander seien und befeuert alte Zuschreibungen, dass sie gegenüber der Mehrheitsgesellschaft fremd sind „da sie ja irgendwie alle zusammenhalten würden“. Darüber hinaus ist ein derartig paternalistisches Gerede, wonach mensch Roma nur erziehen könnte, weil sie nicht selbstständig denken und handeln können genau die Kerbe, in die Rassist_innen wie Hermann Arnold nach 1945 schlugen, weil sie ja nun nicht mehr den nationalsozialistischen Überbau hatten um weiter ihre „Rasseforschungen“ betreiben zu können.

So heißt es 1965 noch:

An Versuchen, Z[…]kinder zu Menschen unserer Art zu machen, hat es nicht gefehlt. Weil sie den Z[…] zu etwas machen wollten, was er nach seiner Natur nicht sein kann, mußten sie fehlschlagen.“ (Vgl. Hermann Arnold, Die Z[…], Olten 1965)

Anders formuliert: Wenn mensch nicht von s.g. „rassischen“ Unterschieden fabulieren kann, so versucht dieser zumindest das Objekt, dass er/sie/es herabwürdigen will, als primitiv und kulturell andersartig oder, wie Hermann Arnold das tat, Roma als „entwicklungstechnisch kinderähnliche Wesen“ darzustellen (Vgl. ebd.).

May (Ayim) Opitz schrieb in „Farbe bekennen“ (Frankfurt am Main, 1992):

Rassismus geht […] über Diskriminierung hinaus: Er ist die Macht, wirtschaftlich, kulturell, politisch und sozial die eigenen Interessen und Interpretationen durchzusetzen.“

Wenn der Roma-Bürgermeister vom südungarischen Cserdi Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu der Gruppe der Roma anders behandelt als den Rest des Dorfes, so hat das zwar etwas mit Diskriminierung zu tun, aber keinesfalls mit Rassismus. Rassismus war und ist schon immer eine Praktik von weißen Menschen gewesen, um andere (als fremde oder „Minderheit“ stigmatisierte) zu unterdrücken. In den Worten von Noah Sow gesagt: „Rassismus ist [weiße] Macht plus Ausgrenzung“. Die Behandlung der Menschen in dem Dorf mag keinesfalls als „zart“ zu beschreiben sein, mit dem Rassismus vernichtsungswillliger Art wie in Tatarszentgyörgy 2009 (ein junger Vater wurde mit seinem Sohn in den Händen erschossen, als er aus seinem brennenden Haus flüchtete) hat das aber rein gar nichts zu tun. Müßig zu erwähnen, dass somit Definitionen des Rassismusbegriffs aufgeweicht werden – aber wofür? Warum wird die Meinung eines Roma zu einer möglichen Betrachtungsweise über ALLE Roma? Der beschrittene Weg des Bürgermeisters ist eine Möglichkeit und ist zum größten Teil den vor Ort vorgefundenen Bedingungen geschuldet! Warum wird aber versucht, die Zustände vor Ort mit dem Verhalten der Roma zu rechtfertigen?

Im Text heißt es:

[…]“Stereotypen“, die bei der Mehrheit über die Z[…] herrschen […]“

Im Kommentar des Autor m.s. zu einer Kritik am Text:

Wenn Sie den Artikel genau lesen, erkennen Sie vielleicht auch, dass wir das Z-Wort (gehts noch?) immer dann anstelle „Roma“ bringen, wenn Schilderungen von Klischees und Vorurteilen vorliegen […]“

Ohne haarspalterisch sein zu wollen stellt sich aber die Frage, warum ausgerechnet das Wort „Stereotypen“ in Anführungsstrichen und nicht das verwendete „Z[…]“ steht. Verwechselt der Autor m.s. hier unbeabsichtigter Weise die Perspektive der Rassist_innen mit seiner eigenen?

In dem Satz „2008 ließ Bogdán eine Brücke über einen Graben errichten, der „das Ghetto“ mit dem Ortskern verbindet.“ gelingt es dem Autor m.s. doch auch, die richtige Verwendung der Anführungsstriche. Diese markieren hier nämlich durchaus, dass der Autor sich des lediglich vermeintlich existierenden Zusammenhangs zwischen den Begriffen Ghetto, Roma und Z Wort bewusst ist und durch die Markierung eine klare Trennlinie zwischen Fiktion und Wirklichkeit gezogen werden soll. Und auch mit „<schlechten Traditionen> seines Volkes“ mit denen sich Herr Bogdán nicht einverstanden sehen will und die ihm und den Roma unterstellt werden, beweist der Autor m.s., dass er Anführungsstriche richtig setzen kann.

Wieder unkritisch und völlig widersinnig wird dann jedoch weiter argumentiert:

Das Ziel sei es <den Z[…]n vor Augen zu führen, was sie erwartet, wenn sie kriminell werden>.“

Wo soll sich denn hier die vom Autor in oben zitierter Reaktion erwähnte Trennlinie zwischen Klischee und der Gruppe der Roma befinden? Es geht in dem Satz doch scheinbar um direkt betroffene Personen bzw. Einwohner_innen. Oder was sonst wollte der Autor m.s. mit dem Zitat vermitteln? Nochmal: Das „Z Wort“ bezeichnet keine realen Personen, sondern lediglich stereotype Bilder, an denen seit Jahrhunderten gearbeitet wurde. Sicherlich ist es das Recht jede_s_r Rom_nja sich selbst als „Z Wort“ zu bezeichnen, es kann aber nicht angehen, dass Weiße Menschen sich das Recht herausnehmen generalisierend alle Roma mit diesem Begriff zu bezeichnen, wohlweislich dass er von der Mehrheit der Roma und Romaorganisationen abgelehnt wird (siehe oben oder dutzende Stellungnahmen des Zentralrat deutscher Sinti und Roma, den Landesverbänden oder Vereinen von Roma in den einzelnen Bundesländern der Bundesrepublik D).

Darüber hinaus findet weiter eine synonyme Verwendung von Roma und „Z Wort“ statt. Auf die Überschrift: „Traditionelles Romadorf als nächstes Projekt“ (gefolgt von „Roma-Skanzen“) folgt später „Z[…]dorf“. Mal von dem Umstand abgesehen, dass folkloristische Darstellungen wie „Kartenlesen“ und „am Lagerfeuer soll es typische Speisen und Getränke geben“ nicht wirklich zu einer emanzipatorischen Selbstermächtigung in einer Umgebung des Hasses kommen kann, werden hier unnütz Stereotypen wiederholt. Diese sind auch Ursache eines Rassismus gegen Roma, der sich zwischen Exotisierung und Dämonisierung abspielt. Ich möchte hiermit nicht zum Ausdruck bringen, dass ich persönlich in irgendeiner Art und Weise Roma eine derartige „kulturelle“ Betätigung abspreche (bzw. absprechen will), merke aber an, dass es durchaus schwierig sein könnte damit in der ungarischen Mehrheitsbevölkerung auf Zustimmung zu stoßen. Die „Magyaren“, wie auch bereits im Text genannt, haben vor kurzem erst in der Verfassung festgelegt, wer „ethnische_r“ Ungar_in ist, Roma und Juden spielen da meines Wissens keine Rolle.

Nicht unerwähnt soll auf der anderen Seite bleiben, dass es auch Befürworter_innen des „Z Wort“ Begriffes gab/gibt. Die Sinti Allianz Köln verteidigt die Verwendung, zumindest im Kontext privater Gespräche, trägt die Begrifflichkeit jedoch nicht im Namen. Die in der Bundesrepublik D lebende Roma-Künstlerin Lidija Mirković bezeichnet sich beispielsweise selbst als “Z[…]in” (Quelle: TAZ vom 4.6.2013, „Blicke hinter das Klischee”, online: http://taz.de/Film/!117383/ abgerufen am 4.6.2013, 13:49 Uhr). Dutzende weitere Beispiele ließen sich hier zeigen, tragen nach meinem Verständnis jedoch nicht zur Klärung dieser Debatte bei. Selbst würde ich mir auch wünschen, dass dieser Begriff eine „positive Bedeutung“ erhalten würde, die alte quasi vergessen gemacht werden kann (am Anfang des Satzes wurde bewusst das Stilmittel der Überspitzung gewählt). Wenn mensch aber ehrlich zu sich ist, ist dies schier nicht möglich, nicht nur aufgrund der Erfahrung des NS. Der „Z Wort“ Begriff war nie eine benutzte Begrifflichkeit unter Roma (im Romanes existiert er nicht), er taucht immer nur im Zusammenhang auf, wenn die Mehrheit über die „Minderheit“ sprach/schrieb. „[D]as Bild über die Z[…] selbst gestalten“ dürfte daher ein schwieriges Unterfangen darstellen. Hier meint der Autor m.s.wahrscheinlich Meinungsbilder über Roma, es wird aber etwas anderes vermittelt: „stereotype Bilder selbst vermitteln zu können“. Da der Begriff aber stets negativ ist, ist genauso wie beim „N Wort“ schwer daran zu glauben, dass sich bei der Verwendung des „Z Wort“ durch Weiße Menschen etwas am negativen Gehalt ändert. Wenn Negativbilder über bestimmte Menschengruppen bestehen, sollten sich die Stigmatisierenden darüber Gedanken machen (müssen), warum sie daran festhalten und nicht im Umkehrschluss die Stigmatisierten versuchen, an Negativbildern über sich etwas zu ändern. Das ist übrigens bereits seit Jahren gängiger Konsens in Opferberatungsstellen, die zu rassistischer oder sexistischer Gewalt arbeiten. Opfer sind nie an ihrem Opferstatus schuld. Es gibt keine rationale Begründung für Mord, Verfolgung und tägliche Diskriminierung. Wenn einzelne Roma kriminell sind, ist es überhaupt nicht logisch, das auf alle Roma zu übertragen oder gar einen „Witz“ daraus zu machen. Viele Rassist_innen vergessen hier schlichtweg, dass die Ursache ihrer_s abwertenden Handlungen/Denkens mehr mit eigenen Minderwertigkeitskomplexen als mit wirklichen Eigenschaften einer stigmatisierten Gruppe zu tun hat.

So schreibt der Autor m.s. auf ein kritisches Kommentar meinerseits:

[W]enn Opa Józsi zum 5. Male von einem Roma das Holz geklaut wurde, dann hat der ein Problem mit Z[…]kriminalität, das man erst abstellen muss, bis man Opa Józsi erklären kann, dass es Armutskriminalität ist und wie sie entsteht und dass er, wäre er in des Z[…]s Lage genauso handeln würde, es also nichts mit dem Volk, sondern den Zuständen zu tun hat. Aber solange man ihm sein Holz klaut, hört der Opa gar nicht zu, sondern rennt zur Jobbik, die ihm eben „helfen“, während die PC´s ihn noch anpflaumen, wie er es wagen kann einen stigmatisierten sozial benachteiligten Vertreter einer anerkannten Minderheit zu beschimpfen.“

Verwechselt wird hier wiederum Ursache und Wirkung. Ich stimme vollkommen zu, wenn es darum geht, Effekte einer gewissen Armutskriminalität zu beobachten und dass dringender Handlungsbedarf besteht. Es ist auch durchaus in Ordnung (laut Lida van den Broek liegt hier eine „Überlebensstrategie“ vor), dass der genannte Opa Jószi Angst  um sein Eigentum hat, jedoch ist die automatische Verbindung mit Z Wort Kriminalität rassistisch. Es geht nicht darum, dass die Angst unbegründet ist, sondern dass damit eine rassistische Verallgemeinerung einher geht, die das Bild Z Wort = Dieb bedient. Warum das dann aber wiederum mit einem „ethnisierenden Rassismus“ in einen Topf geschmissen wird, ist selbst aus der Logik des Artikelschreibers heraus unklar. Es geht hier überdies auch nicht um Politcal Correctness, sondern darum, dass auf kriminelle Handlungen gewisse Strafen folgen (unabhängig von Gruppenzugehörigkeit) und am Besten ein Zustand angestrebt werden sollte, wo solche Handlungen gar nicht erst stattfinden. Vorausgesetzt sei hier natürlich auch eine Strafverfolgungsbehörde, die nicht nach „racial profiling“ Mustern handelt – auch wenn dies in Ungarn scheinbar der Fall ist. All das hat auch viel mit einem Dialog auf Augenhöhe zu tun, der aber meiner Meinung nach nicht erreicht werden kann, wenn die „einen“ die „anderen“ mit abwertenden Begriffen bezeichnen, ihnen Zugangsmöglichkeiten verwehren, auf denen sie selbst sitzen wie die Hennen und Gewalt in Form von Aufmärschen einer eigentlich in Ungarn verbotenen Organisation stattfinden.

Dem vorangestellt findet sich bereits folgende in sich unsinnige Formulierung:

[…] Vorurteile auf beiden Seiten, die schafft man nicht von Heute auf Morgen ab, es braucht seine Zeit, bis aus den Roma des Ortes selbst- und pflichtbewußte Bürger werden, bis auch die Nicht-Roma zumindest wieder zur Akzeptanz bereit sind […]“

Welche Vorurteile haben denn Roma gegenüber sich als „Weiße“ abgrenzenden Ungarn? Ist es nicht Grundvoraussetzung einer demokratischen Gesellschaft Akzeptanz ALLEN gegenüber zu wahren? Sollen „die“ Roma hier wieder für etwas verantwortlich gemacht werden? Warum unterstellt mensch ihnen, nicht „pflichtbewusst“ zu sein? Es ist schon eine dreiste Aussage, Roma für eine Schieflage innerhalb der Dorfgemeinschaft verantwortlich zu machen – gleichwohl hier wieder Argumentationen Vorschub geleistet werden, dass das Verhalten Einzelner zu einer generellen Eigenschaft einer Gruppe, zu welcher der/die Einzelne vermeintlich gehört, gemacht werden soll.

Zu den Kommentaren anderer Nutzer_innen:

Ein gewisser „Paul“ schreibt: „Wo der Wille, da ein Weg – stimmt immer wieder!“ – soll heißen, die Roma sollen sich endlich mal anstrengen, sonst sind sie quasi selber schuld an ihrer Verfolgung? Das Problem heißt nach wie vor Rassismus! Wenn Menschen Ressourcen (Bildung), die heutzutage entscheidend sind, vorenthalten werden; Arbeitsplätze aufgrund von rassistischen Vorbehaltsmustern nicht an Roma vergeben werden, wie sollen jene dann einen „Willen“ entwickeln können?

Und zu guter Letzt noch die Reaktion des Autors m.s. auf eine Kritik meinerseits (die, das gebe ich gerne zu ,etwas vorschnell formuliert wurde):

Der Autor m.s. kritisiert meinen Kommentar, den ich der Vollständigkeit halber unten komplett dokumentiere, wie folgt. Er wirft mir eine Art Political Correctness vor. Der PC-Vorwurf aber ist einer, der als politischer Kampfbegriff gerne benutzt wird um andere Meinungen mundtot zu machen. Zur Analyse der Umstände trägt er nicht viel bei und stellt keinesfalls eine inhaltliche Ergänzung, sondern lediglich rhetorisches Mittel dar. Der drauf folgende „Latte macchiato“ Vorwurf ist ebenso eine Worthülse und stilistisch nicht sonderlich wertvoll. Ich kann es gerne betonen: ich bin Passbesitzer_in der Bundesrepublik D, werde von der Mehrheit als heterosexuell, weiß, männlich, monogam, christlich und aus Nordeuropa kommend wahrgenommen, gleichwohl ich mich mit diesen Kategorisierungen nicht im Einklang sehe – ich bin kein_e Rom_nja, spreche also aus der Perspektive der weißen Mehrheit. Dass ich aber (nun), wenn ich offensichtlich weiße Menschen für ihre Reproduktion von Rassismus kritisiere, als „Latte macchiato“ Konsument_in diffamiert werde, ist schlichtweg flach – zudem trinke ich so etwas nicht einmal. Des weiteren bin ich mir bewusst, dass die kritisierten Zustände der Gerechtigkeit willen geändert werden müssen, sehe aber nicht die Diskriminierten in der Pflicht, sondern die weiße Mehrheitsgesellschaft. Mit versucht analytischen Texten, Vorträgen und direkter Hilfe vor Ort (Tschechien) versuche ich etwas an der Lage diskriminierter Rom_nja zu verändern, gleichwohl Mittel und Wirkung eingeschränkt sind. Den kriegsrhetorischen Ausdruck, ich würde mich nicht an der „Front“-befinden (sic!), weise ich daher ebenso zurück.

Weiter heißt es:

Wenn Sie den Artikel genau lesen, erkennen Sie vielleicht auch, dass wir das Z-Wort (gehts noch?) immer dann anstelle „Roma“ bringen, wenn Schilderungen von Klischees und Vorurteilen vorliegen, die Anwendung hat also vor allem sprachlich würzenden Charakter und nimmt die Stimmung und Artikulation der handelnden oder betroffenen Personen auf, was den Leser tiefer in die Thematik eindringen lässt als ein PC-Wischiwaschi.“

Und weiter:

[…] während wir uns wenigstens den Kopf zerbrechen […]“

Unnötig zu erwähnen, dass hier auf exotisierende Faktoren eines vermeintlich positiv gemeinten Rassismus (so etwas gibt es nicht, Rassismus zeitigt immer negative Effekte und ist stets funktional, Ziel: Abwertung/eigene Aufwertung) Rekurs genommen wird. Zudem wird mit dem zweiten Absatz des Artikels eine paternalistische Fürsorgepolitik gegenüber Roma verteidigt, wie sie im allerschlimmsten Falle s.g. „Tsiganologen“ á la Bernhard Streck noch befürworten. Betont wird hier wiederum die angebliche Unterschiedlichkeit der Roma im Vergleich zu den „Ungarn“. Es ist fraglich, ob mit solchen Argumentationen und Berichten die Selbstermächtigung der Roma und ein gleichberechtigter Umgang und vor allem ein Miteinander mit ihnen bewerkstelligt werden kann.

Desweiteren möchte ich hier noch ein (längeres) Zitat dokumentieren, dass sich im Großen und Ganzen mit derartigen PC-Vorwürfen beschäftigt und kritisiert das Weiße sich oftmals nicht ihres Privilegiertenstatus bewusst sind.

Leah Bretz und Nadine Lantzsch schreiben in: „Queer_Feminismus Label & Lebensrealtität, Münster, 2013:

„wenn in sprachliche diskriminierungen interveniert wird, begegnet den intervenierenden fasst immer der vorwurf, es werde >zensur< oder >political correctness< betrieben, die im schlimmsten fall direkt in den faschismus führe, mindestens aber an den nationalsozialismus oder andere staatliche zensurregime erinnere. mit diesem vorwurf werden der holocaust und andere rassistische_sexistische_ableistische gewaltakte dieser regime und ihrer akteur_innen verharmlost, ent_erwähnt und normalisiert. interventionen in rassismus_sexismus_ableismus werden auf eine stufe mit rassismus_sexismus_ableismus gestellt. die personen, die sprachliche diskriminierungen re_produzieren, fühlen sich in ihrer >meinungsfreiheit< eingeschränkt und postulieren in weiteren sprachhandlungen: >jetzt darf man ja nicht mal mehr das und das sagen.< die behauptung als privilegiert positionierte person in einer von machtverhältnissen durchzogenen gesellschaft nicht mehr diskriminierungen auf sprachlicher ebene wiederholen zu dürfen_können, nennt machtverhältnisse und die damit einhergehenden privilegierungen_diskriminierungen weg. es werden diejenigen als >opfer<_unterdrückte_betroffene_diskriminierte konstruiert, die diskriminierungen re_produzieren und verhöhnt zugleich alle, die als diskriminierte nicht überall sprechen_gehört_anerkannt werden können und mitgedacht_mitgesprochen_mitgeschrieben_mit_erwähnt werden. die >zensur<-vorwürfe verkennen, dass aus diskriminierter position intervenierende mit marginalisiertem wissen operieren und als einzelne oder in kollektiven sowieso niemals in der position wären, zensur ausüben zu können.“

Zum Begriff „Antiziganismus“ wurde bereits viel geschrieben und auch debattiert. Für mich bleiben nach wie vor folgende Fragen offen:

Merfin Demir (u.a. Amarodrom e.V.) äußerte in einem Gespräch mit mir am 28.5.2013 in Dresden (Veranstaltung Roma in Deutschland und Tschechien – Über Grenzen und ihre Überwindung, organisiert von der Brücke/Most Stiftung) folgendes: Er erachtet den Begriff, da er aus der Wissenschaft stammt, als einen der gerade eben die Konstruktion des „Z Wort“ so offensichtlich hinterfragt, dass er nicht missverstanden werden kann. Ein Begriff also in guter Absicht? Als Angehöriger der weißen Mehrheitsgesellschaft frage ich mich folgende Dinge, die bei einer Betrachtung für oder wider eine Verwendung entscheidend sein könnten: Ist für eine außerwissenschaftliche und antirassistisch orientierte Bürgerbewegung der Begriff gängig? War es jemals Aufgabe von akademischen Kreisen, so etwas zu befördern? Ich denke, zum größten Teil kann mensch beide Fragen mit nein beantworten. Ich selbst schreibe nun bereits eine gewisse Zeit über „Rassismus gegen Roma“ und mittlerweile frage ich mich, ob die hier diskutierten Begrifflichkeiten wirklich die adäquatesten sind. Bisher ging ich davon aus, auch einen Begriff finden zu müssen, der ebenso die Stigmatisierung und Verfolgung von Menschen mit einschließt die keine Roma sind, darüber hinaus jedoch als solche bzw. „Z Wort“ bezeichnet werden. Der Vorschlag von Filiz Demirova, die für Antiromaismus plädiert, ist hinsichtlich des rassistischen Charakters bisheriger Begriffe doppeldeutig dekonstruierend und für eine weitere Forschung durchaus fruchtbar. Erstens wird auf den rassistischen „Z Wort“ Begriff verzichtet (und somit Befindlichkeiten der „Minderheit“ gewahrt) und zum zweiten wird die rassistische Grundannahme der Rassist_innen, welche_r ja gerade in neuerer Zeit verstärkt wieder Roma mit der „Z Wort“ Konstruktion gleichsetzt, entgegengewirkt. Mit dem Begriff werden also gerade auch die Menschen beschrieben, die mit der „Z Wort“ Konstruktion herabgewürdigt werden sollen , jedoch keine Roma sind. Anders formuliert, wenn mensch weiß, dass „Z Wort“ eine Konstruktion ist, warum soll er/sie/es diese dann benutzen? Das Festhalten an der „Z Wort“ Konstruktion stellt für mich daher eine widersinnige Sache dar. Es gibt keine „Z Wort“, es gibt nur „Z Wort“ Bilder. Wenn Rassist_innen Nicht-Roma mit Wörtern wie oben beschrieben bezeichnen, so sollte mensch dekonstruieren, anstatt Worte zu reproduzieren, die beleidigend und ungenau (da sie keine wirklichen Menschen/Gruppen bezeichnen) sind. Mit dem Begriff Antiromaismus kann meiner Auffassung somit auch Rassismus gegen Jenische, Wohnwagenbewohner (als soziodemographische/subkulturelle Gruppe) und irische bzw. britische travellers verstanden werden. Dies eben auch, weil bedacht werden muss, dass sich Rassist_innen noch nie Unterschiede zwischen denen, die sie abwerten wollen und anderen Menschen machten. Roma ist nicht gleich „Z Wort“ und Roma ist nicht gleich denen, welchen ein vermeintlicher „Z Wort“ Lebensstil unterstellt wird. Daher lautet meine Forderung: „Nie wieder <Z Wort>!“

Ich hoffe, ich konnte mit meinen Ausführungen deutlich machen, dass es mir um die Abschaffung der o.g. Begrifflichkeit(en) (und den damit zusammenhängenden Diskriminierungen) und um eine weitere Diskussion auch gerade außerhalb akademischer Kreise geht. Ich bitte um Verständnis, wenn meine dazu gemachten Gedanken in ihrer Gesamtheit vielleicht noch nicht so stimmig sind. Auch sehe ich eine offene Diskussion um die Begriffe <Zi.> (Susann Arnold) bzw. „Z Wort“ und hoffe auf unterschiedliche spannende und produktive und vor allem auch provokante Diskussionen auch gerade mit Roma (und Sinti).

Mit der Kritik an dem o.g. Artikel möchte ich keinesfalls die guten Absichten des Autors m.s. in Frage stellen. Mir war es lediglich wichtig zu zeigen, dass die Wortwahl und einige Formulierungen völlig daneben liegen, was den derzeitigen Konsens in der Forschung und Bürgerbewegung der Roma (und Sinti) betrifft. Es kann nicht nutzbringend für eine Emanzipation und Demokratisierung des Verhältnisses zwischen der Mehrheitsgesellschaft und der Gruppe der Roma (und Sinti) sein, wenn in alten Vorurteilsstrukturen gedacht und wie in diesem Fall berichtet wird (gleichwohl ich Roma selbstverständlich auch als Bestandteil der Mehrheitsgesellschaft sehe und sie mit der Definition als „Minderheit“ weder sprachlich noch politisch exkludieren will). Ich bin kritisch gegenüber einer Definition der Ethnie der Roma (und Sinti) und möchte hier noch einmal betonen, das es mir lediglich um die Betrachtungsweise aus der Perspektive der rassistischen Diskriminierung geht und nicht um eine Neudefinition „der“ Roma (und Sinti). Daher möchte ich mit der wirklich gelungenen Teilüberschrift des Autors m.s. enden:

Eigentlich ist Bogdáns Engagement nur die Manifestation einer denkbaren Normalität, doch gerade deshalb ist sie heute in Ungarn so etwas ganz besonderes.

Michael von der Recherchegruppe Maulwurf, Mai 2013 (veröffentlicht am 15.7.2013)

Anmerkungen:

  • Zitate, die kursiv sind, kommen entweder im Ursprungsartikel oder dem Kommentar des Autors m.s. vor
  • alle anderen in Anführungsstrichen gesetzte Wörter sind entweder sinngemäße Zitate (Quelle in der Klammer), Gedanken oder sollen den konstruierten Charakter der Wörter betonen
  • direkte Zitate sind ebenfalls mit Anführungsstrichen und Angaben zu den Autoren gekennzeichnet

Dokumente:

1. mein Kommentar vom 22.5.2013 [RS im Original]:

Hallo,
warum hier Begrifflichkeiten wie das pejorative Z Wort und „asozialisierte Gesellschaft“ verwendet werden ist sehr fraglich. Ich bin für Empowerment durch Bildung. Auch wenn dieses Bsp. sehr löblich ist, die Bedingungen vor Ort alles andere als „ideal“, das Problem heißt nachwievor Rassismus. Und dass sich daran etwas ändert hat weder mit „den“ Roma geschweige denn mit „ihrem“ Verhalten etwas zu tun. Die weiße Mehrheitsgesellschaft ist es die Rassismus und Chancenungleicheit ständig reproduziert. Wenn Gatekeeper an den entscheidenden Stellen Rassist_innen sind, Menschen trotz Bemühung nicht „weiter“ kommen im System und vllt. sogar irgendwann aufgeben so kann man ihnen das nicht vorwerfen und sollte es auch nicht! POC/Roma sind nicht Schuld an ihrer Verfolgung. Wenn weiße Priviligierte wie in Ungarn oder Tschechien korrupt sind, Geld hinterschlagen oder einfach kleinkriminell sind so wird das Verhalten derer ja auch nicht auf ihre vermeintliche „Hautfarbe“ zurückgeführt. Mensch lese diesen Beitrag mal unter dem Aspekt das Wort Roma / Z Wort durch Jude / Jüdin zu ersetzen! Merken sie was? So löblich wie das Vorhaben des Bürgermeisters ist, so hinterherhinkend, lediglich die Auswirkungen aber nicht die Ursachen der Verfol[g]ung bekämpfend möchte ich nicht ganz glauben dass sich dadurch etwas gesamtgesellschaftlich ändert, auch wenn ich es mir insgeheim wünsche und ihm die Daumen dafür drücke! Die weißen Priv[e]ligierten müssen an ihrem Verhalten etwas ändern! Die Gesellschaft muss lernen das für ALLE in der Welt die gleichen Rechte gelten. Wenn Garden mit Waffen und Fackeln durch Dörfer ziehen, ganz offiziell „Helden“ an einem zentralen Ort in Budapest „gedenken“ können, so ist das Ausdruck einer Schieflage innerhalb der Gesellschaft und keineswegs die einer Unzufriedenheit aufgrund individueller Verfehlungen weniger oder kurz gesagt von Z Wort Kriminalität. Wer das anders sieht spricht dann ja auch wohlweislich von „genetisch angeborenem Schwachsinn und asozialvererbten Sozialverhalten“- merken sie was? Bitte bedienen sie sich beim nächsten Mal nicht wieder der Sprache derer welche nach ´45 fröhlich weiter Rassegutachten bearbeiten und Bücher über Z Wort schreiben konnten- Danke!

2. Kommentar von der Redaktion/dem Autor m.s. selbst, wenig später [RS im Original]:

Danke für Ihre Ausführungen. Wir teilen sie in den meisten Punkten, maßen uns aber dennoch das Recht an, das Z-Wort, also Z[…] auch (!) zu benutzen, nicht, weil es in Ungarn das gängige ist, sondern, weil uns bis heute der Nachweis fehlt, dass Political correctness in der hier vorliegenden Ausformung einen Schulabschluss oder auch nur einen Bissen Brot hervorgebracht hat. Es dient im wesentlichen der Selbstbefriedigung und Mitschuldabwehr der „korrekten“ Mehrheitsbevölkerung, denen ihr „Feeling“ bei einer Sache doch oft wichtiger ist als die Sache selbst. Ob das nun Radfahren gegen den Hunger, eine Lichterkette gegen Nazis oder eben Roma-Sagen ist. An der Front sieht die Welt etwas anders aus und wenn ein Z[…] seine Z[…] Z[…] nennt, dann darf der das. Und wenn Opa Józsi zum 5. Male von einem Roma das Holz geklaut wurde, dann hat der ein Problem mit Z[…]kriminalität, das man erst abstellen muss, bis man Opa Józsi erklären kann, dass es Armutskriminalität ist und wie sie entsteht und dass er, wäre er in des Z[…]s Lage genauso handeln würde, es also nichts mit dem Volk, sondern den Zuständen zu tun hat. Aber solange man ihm sein Holz klaut, hört der Opa gar nicht zu, sondern rennt zur Jobbik, die ihm eben „helfen“, während die PC´s ihn noch anpflaumen, wie er es wagen kann einen stigmatisierten sozial benachteiligten Vertreter einer anerkannten Minderheit zu beschimpfen. Wenn Sie den Artikel genau lesen, erkennen Sie vielleicht auch, dass wir das Z-Wort (gehts noch?) immer dann anstelle „Roma“ bringen, wenn Schilderungen von Klischees und Vorurteilen vorliegen, die Anwendung hat also vor allem sprachlich würzenden Charakter und nimmt die Stimmung und Artikulation der handelnden oder betroffenen Personen auf, was den Leser tiefer in die Thematik eindringen lässt als ein PC-Wischiwaschi. Nennen wir es einen Trick und überlassen Sie uns das Handling der Sprache vielleicht, ohne, dass Sie uns eine sprachliche Nähe mit Rassegutachten unterstellen, Sie unverschämter Mensch. Gesamtgesellschaftlich wird sich nämlich auch mit Ihresgleichen nichts ändern, während wir uns wenigstens den Kopf zerbrechen, Herr Bogdán die Ärmel hochkrämpelt und beide dabei auch Fehler machen, schlürfen Sie an Ihrem Latte macchiato und sonnen sich im Bewußtsein auf der Seite der Guten zu stehen. Merken Sie was? MfG, red., m.s.

Benutzte Quellen (Auswahl):

  • Hermann Arnold: Die Z[…], Olten 1965.
  • Katharina Oguntoye / May Opitz / Dagnar Schultz: Farbe bekennen – Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte, Frankfurt am Main, 1992.
  • Lida van den Broek: Am Ende der Weißheit. Vorurteile überwinden. Ein Handbuch, Berlin, 1993.
  • Heft anlässlich der Gedenkveranstaltung “50 Jahrestag der Vernichtung der Roma”, Oświęcim, 1994.
  • Zeitschrift Telegraph Heft 116/117, Berlin, 2008.
  • Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiss – Der alltägliche Rassismus, München, 2009.
  • Susan Arndt / Nadja Ofuatey-Alazard: (K)erben des Kolonialismus im Wissenscharchiv deutsche Sprache – Ein kritisches Nachschlagewerk, Münster, 2011.
  • Susan Arndt: Die 101 wichtigsten Fragen – Rassismus, München, 2012.
  • Alexandra Bartels / Tobias von Borcke / Markus End / Anna Friedrich: Antiziganistische Zustände 2 – Kritische Position gegen gewaltvolle Verhältnisse, Münster, 2013.
  • Filiz Demirova / Georgel Caldararu: Der Paria – Zeitschrift für Politik von unten, Berlin, 2013.

weitere Anmerkungen:

Der Artikel „Der Best-practice-Zigeuner – Wie ein Roma als Bürgermeister in Ungarn seinen Ort umkrempelt“ vom 14.5.2013 und die darauf folgenden Kommentare wurden durch mich abgespeichert. Falls eine Änderung des Artikels oder der Kommentare stattfinden sollte (und die o.g. Zitate nicht mehr stimmen sollten), bin ich gerne dazu bereit eine Kopie an Interessierte zu versenden.

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12 Kommentare

  1. Hat dies auf ARTBRUT rebloggt.

  2. Hat dies auf Der Paria rebloggt.

  3. joculator · · Antwort

    Woher kommt eigentlich die Überzeugung, dass der „Antiziganismus“-Begriff wissenschaftlich fundiert wäre? Er wird vielleicht von Einzelnen mit akademischem Anspruch verwendet, aber schon die Frage, wie der Begriff von den Intentionen des vermutlichen Wortschöpfers Bernhard Streck zu trennen ist, findet keine befriedigende Antwort. Streck ging es mit dem Begriff darum, die rassistische Verfolgung von Sinti und Roma durch die Nazis zu verneinen. So wie er die Nichtexistenz eines „Antsiganismus“ postulierte, wird nunmehr dessen Existenz als ein Europa einendes Phänomen postuliert. Als Instrumente dafür finden sprachliche Feindiagnosen Anwendung. Der Gehalt der vermeintlich akademischen Analysen ist oft doch eher Blendwerk und fern der gesellschaftlichen sowie historischen Realitäten.
    Unabhängig davon sollte allein die willkommene Übernahme des Begriffs in Politik und Medien nachdenklich stimmen. Die Energien zur Beurteilung des kritisch-emanzipatorischen Gehaltes sind an anderer Stelle ohnehin besser aufgehoben, so wie auch die Diskussionen um das Z-Wort. Es kann doch nicht darum gehen, dass Wort abzuschaffen, es ist doch viel mehr von großem Nutzen, um Roma und Sinti vor den damit einhergehenden Stereotypisierungen als reale Menschen zu schützen, da es gelingt den Konstruktionscharakter durch das Z-Wort aufzuzeigen.

  4. […] bereits im Artikel „<Z Wort> – sprachliche Reproduktion alter Stereotypen?“ erwähnt, äußert sich Susan Arndt zum eingangs thematisierten Begriff wie […]

  5. […] Die Eltern schärfte ihm ein: „Sag ja nicht, dass du ein Roma bist, sag du bist Serbe.“ Das Z-Wort, weil es „faschistisch und menschenverachtend ist“ hatte der Gast eigentlich nicht aussprechen […]

  6. […] mit der größten Minderheit Europas umzugehen wissen. Die jahrhundertelange Verfolgung von als Z Wort stigmatisierten Menschen muss endlich ein Ende finden! Hierfür sehen wir die Mehrheitsgesellschaft […]

  7. […] mit der größten Minderheit Europas umzugehen wissen. Die jahrhundertelange Verfolgung von als Z Wort stigmatisierten Menschen muss endlich ein Ende finden! Hierfür sehen wir die […]

  8. […] als Z Wort bezeichneten Menschen – gemeint sind offentsichlich „Sint_ize und Rom_nja“ […]

  9. […] Ecole Ústí: „Z Wort“ – sprachliche Reproduktion alter Stereotypen? 15.7.2013. Online: https://ecoleusti.wordpress.com/2013/07/15/z-wort-stereotypen/. Vgl. auch Isidora Randjelović: Ein Blick über die Ränder der Begriffsverhandlungen um […]

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