Duchcov 22.6.2013: Friedlich dem braunen Sumpf widerstanden

Raus aus dem Schlamm!

Raus aus dem Schlamm!

Vorher

Am 22.6.2013 hatten mehrere Vereinigungen unter dem Motto „Čikhatar het / Z bahna ven!“ (dt.: Raus aus dem Schlammm!) dazu aufgerufen, dem Anti-Roma-Marsch der DSSS auf friedliche Weise etwas entgegenzustellen und damit auch ein Zeichen gegen Rassismus und Kollektivschuld zu setzen. Kurzfristig hatte sich diesem Aufruf ebenfalls die Partei Strana Zelených (Grüne Partei) angeschlossen, die dazu auf ihrer offiziellen Seite einen Artikel mit dem Titel „Zelení k Duchcovu: Šíření nenávisti a strachu v ulicích českých měst soužití nezlepší“ (dt.: Grüne nach Duchcov: Schüren von Hass und Angst auf den Straßen tschechischer Städte verbessert das Zusammenleben nicht“) veröffentlicht hat.
Auch die Regierungsbeauftragte für Menschenrecht, Monika Šimůnková, hatte einen Tag vor dem geplanten Aufmarsch der DSSS geäußert, dass ein Marsch mit verachtendem Subtext die Situation in der Stadt nur verschlimmern sowie die Anti-Roma-Stimmung nur befördern würde. Sowohl sie als auch die Vertreter_innen der Menschenrechtsabteilung der Regierungsbehörde unterstützten die geplante Gegenveranstaltung nachdrücklich, da diese das Zusammenleben  positiv beinflussen würde.
Zusätzlich schloss sich auch das tschechische Sektion der internationalen Helsinki-Föderation, eine Organisation, welche die Einhaltung der Menschenrechte kritisch beobachtet, dem Aufruf an.

Der Aufruf von Gruppen, die den Aufruf der DSSS unterstützten, war eindeutig und wurde von eindeutigen Äußerungen des Organisators der Demonstration, Jan Dufek, begleitet. Er sagte: „[…] konečně ty lidi alespoň povstanou a vyvražděj je všechny.“ (dt.: „[…] endlich stehen die Leute wenigstens auf und ermorden sie alle.“) Zudem kursierte ein Video im Internet, in dem Mitglieder des Národní odpor (Nationaler Widerstand) dazu aufrufen, am Anti-Roma-Marsch teilzunehmen.

Ereignisse am 22.6.2013

Da der zeitliche Ablauf bei romea.cz detailliert beschrieben ist, soll an dieser Stelle nur kurz das u.E. Wichtigste zusammengefasst werden.
Um 12 Uhr versammelten sich ca. 100 Personen im Rahmen von „Čikhatar het / Z bahna ven!“ vor der Bühne in der Straße Nadražní, um sich gegen den Anti-Roma-Marsch zu positionieren. Bis kurz nach 18 Uhr traten verschiedene Musiker_innen und Musikgruppen auf; Anwohner_innen und Angereisten nahmen Stellung zur Lage und äußerten ihre Meinung; es gab ein vielfältiges Programm für Kinder. Während der Veranstaltung trat auch der Gesandte des Europaparlaments und Mitglied des Stadtrates von Teplice, Jaromír Kohlíček, auf. Er richtete einige Worte an die Zuhörer_innen, ließ jedoch unerwähnt, dass er für die KSČM (Kommunistische Partei Böhmens und Mährens) im Europaparlament sitzt.
Da die von der DSSS angemeldete Demonstration in unmittelbarer Nähe stattfand, hatten zahlreiche Anwohner_innen  im Vorfeld bereits das Viertel aus Angst vor Ausschreitungen verlassen.
Gegen 15 Uhr begann auf dem Naměstí Legií Tomáš Vandas, Vorsitzender der DSSS, zu ca. 700 Personen, hauptsächlich Bewohner_innen der Stadt Duchcov,  zu sprechen. Er stellte zunächst fest, dass zu gegebenem Zeitpunkt alles in bester Ordnung  und weit und breit keine Kriminalität zu sehen sei und Duchcov an diesem Tag die sicherste Stadt der ganzen Republik sei (Videos, die dieselben Demonstrant_innen eine halbe Stunde später zeigen, sprechen da eine andere Sprache). Er griff in seiner Rede auch unmittelbar die finanzielle staatliche Unterstützung des Servers romea.cz an, den er als rassistischen Z[…] Server betitelte und der die tschechische Nation und das tschechische Volk angreife. Vandas erwähnte auch, dass die Tschechische Republik seitens der EU immer wieder als rassistisch und xenophob dargestellt werde und stimmte dem zu, denn sie sei es gegenüber der weißen Gesellschaft – weiße Haut sei nämlich kein Garant für ein leichtes Leben.
Nachdem Vandas seine Rede beendet hatte, begann der Marsch zunächst entlang der geplanten Route. Schon wenige hundert Meter vom Naměstí Legií entfernt versuchten mehrere Demonstrant_innen, von der geplanten Marschroute wegzukommen und begannen mit Steinen und anderen Gegenständen zu werfen, woraufhin die Polizei Wasserwerfer, Schockgranaten und Tränengas einsetzte. Immer wieder kam es während des Marsches zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, wobei auch ein Journalist des Magazins Reflex am Kopf verletzt wurde. Der Anti-Roma-Marsch endete aufgrund der Zwischenfälle frühzeitig noch bevor die Demonstant_innen den Zielort, erneut den Naměstí Legií, erreichten.

Kein Nazi zu sein reicht nicht - wir kämpfen gegen rassistische Vorurteile

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Schwarze, Weiße, vereinigen wir unsere Kräfte!

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Zusammenfassung

Insgesamt nahmen zwischen 700 und 1000 Personen am Aufmarsch der DSSS teil. Es gab 22 Festnahmen, darunter laut Polizeisprecherin der Stadt sechs wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt und eine wegen des Angriffs auf Vollzugsbeamte. Drei Personen wurden außerdem wegen des Verdachts der Körperverletzung festgenommen. Darüber hinaus waren fünf Verletzte zu verzeichnen, davon drei Zivilist_innen. Daneben wurden 35 Waffen sichergestellt, u.a. Baseballschläger, Schlagstöcke sowie Messer.

Wenn so eine Stadt aussieht, die laut Vandas allein aufgrund der Anwesenheit der vielzitierten „slušné lidi“ (anständigen Leute), die seiner Rede zuhörten, „sauber“ und frei von Kriminalität ist, dann leidet der Mensch wohl unter einer gewissen Realitätsverzerrung.

Weiterführende Quellen:

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2 Kommentare

  1. […] der NGO KOnexe sind zu erwarten. Zum Hintergrund hier und hier. Mittwoch 8.Oktober 2014 PodiumsgesprächAula der alten Nikolaikirche, Nikolaikirchhof 2, […]

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