Zur Wohnsituation von Roma in Předlice (Ústí nad Labem)

Im folgenden Text sollen die Umstände der Umsiedlung einer Gruppe von überwiegend Roma in Ústí nad Labem und die negativen Konsequenzen für diese Personen näher beleuchtet werden.

Anfang November mussten aufgrund der Baufälligkeit des bisher bewohnten Gebäudes 36 Personen, darunter 27 Minderjährige, aus dem Viertel Předlice in das rund zwei Kilometer entfernte Viertel Krasné Březno umziehen. Das bis dahin bewohnte Haus in der Straße Beneš Lounský war stark einsturzgefährdet, da der Eigentümer jahrelang nicht die notwendigen Reparaturen durchgeführt hatte.

bisheriges Wohnhaus, Predlice

bisheriges Wohnhaus, Predlice

 

Předlice ist ein Stadtviertel der Kreisstadt Ústí nad Labem, das sich wiederum in die Gebiete Nové und Staré Předlice einteilen lässt, wobei ersteres laut offiziellen Angaben heute zu fast 100% von Roma bewohnt wird (Quelle: Svaz měst a obcí České republiky, 1. Přehled sociálně vyloučených lokalit ve městě Ústí nad Labem). Laut Angaben der Stadt (Quelle: Ebd.) genoss dieser Stadtteil vor dem zweiten Weltkrieg einiges Prestige und wurde hauptsächlich von Tschechen bewohnt. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sowie noch einmal in den 1970er Jahren kam es dann zum Zuzug zahlreicher Roma aus Mähren oder der Slowakei. Dies ging Einher mit einem Sukzessiven Wegzug der weißen Bevölkerung in die neu entstehenden, beliebten Neubausiedlungen der Stadt (Severní Terasa u.a.). Heutzutage gilt Předlice bei anderen Einwohnern der Stadt, aber auch von Stadtseite selber als „Problemviertel“, was folgender Text aus einer offiziellen Verlautbarung sehr gut wiederspiegelt (Übersetzung der Autorin)

In dieses Gebiet ziehen bereits seit mehr als zehn Jahren arme, langzeitarbeitslose und vor allem Roma-Einwohner. Předlice ist unter den Einwohnern Ústís als Problemviertel bekannt, welches man besser meiden sollte, und wo man sich weder tagsüber noch erst recht nicht nachts bewegen sollte. Eine hohe Konzentration sozial ausgeschlossener Personen bringt die Zunahme und das Vorhandensein weiterer negativer Effekte, wie Diebstahl, Wucher, Drogen und Prostitution mit sich.“ 1

(Quelle: Svaz měst a obcí České republiky, 1. Přehled sociálně vyloučených lokalit ve městě Ústí nad Labem)

Im Viertel haben zur Zeit ca. 3000 Personen ihren Wohnsitz. Es befindet sich direkt neben einem großen Industriegelände. Ein Blick auf den Stadtplan zeigt, dass besagtes Industriegelände beinahe ein Fünftel der Fläche der Stadt ausmacht. Viele Häuser in Předlice sind bereits seit Jahren dem Verfall preisgegeben und zahlreiche bereits unbewohnbar. Die Bewohner müssen t.w. ohne Strom auskommen. Über 20 Häuser sind ebenfalls einsturzgefährdet, weswegen deren Einwohnern ein ähnliches Schicksal wie den oben erwähnten 36 Personen droht. Bei einem Gang durch das Viertel fallen an vielen Gebäuden Schilder auf (FOTO), auf denen in Tschechisch, Deutsch und Romanes folgender Text zu lesen ist: VSTUP ZAKÁZÁN! EINTRITT VERBOTEN! NAŠMINES TEDŽAN ÁNDRE! NEBEZPEČÍ ÚRAZU! UNFALLGEFAHR! ARA ŠAJTUT DEMES! (allerdings ist der Text in Romanes fehlerhaft). Ohne jeglichen Zusammenhang zur Aufschrift ist zudem ein durchgestrichener Dieb auf diesen Hinweisschildern abgebildet. Regelmäßig fährt die Polizei im Viertel Streife und überwacht alles per Kamera.

Zutritt verboten - Schild in Předlice

Zutritt verboten – Schild in Předlice

Für die 36 Bewohnerinnen und Bewohner der Straße Beneš Lounský war die Wohnsituation in Předlice, wie oben bereits beschrieben, schon einige Zeit nicht mehr haltbar. Trotzdem boten die Umstände des Umzugs sowie die neuen Wohnungen keinen Grund zur Freude.

Im Vorfeld des Umzuges wurde ein „Krisenstab“ einberufen, an dem neben NGOs verschiedene städtische Akteure teilnahmen. Weder waren die betreffenden Hausbewohner_innen eingeladen, noch war es dem Besitzer des Nachbarhauses, der Roma ist, möglich, seine Stimme in dieser nicht öffentlichen Zusammenkunft einzubringen. Den Familien wurden verschiedene Angebote unterbreitet, die sie aber aus diversen Gründen (zu kleine Wohnungen oder getrennte Unterbringung der Familien in unterschiedlichen Stadtvierteln) ablehnten. Das Ergebnis war letztendlich, dass das Haus geräumt werden musste, woraufhin am 2. November die 36 Bewohner, laut eigener Aussage ohne vorher darüber informiert zu werden, ihre bisherigen Wohnungen verlassen mussten (Quelle: Janni Vorliček. Romy z ruiny město vystěhovalo. (Die Stadt zog die Roma aus den Ruinen um) Artikel erschienen im Ústecký deník am 2.11.2012, Zugriff am 30.12.2012). Die Stadt stellte Umzugstransporter bereit, allerdings gab es bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Lösung für die Frage, wohin die Bewohner ziehen sollten. Sie wurden daher zunächst für neun Tage in einer Turnhalle untergebracht, wohin sie jedoch laut eigener Aussage keine Möbel mitnehmen konnten. Nachdem endlich eine neue Bleibe feststand, nämlich besagte Unterkunft in Krasné Březno, gab es keine Möglichkeit mehr, die Möbel aus den Wohnungen zu holen, da das Haus bereits polizeilich abgeriegelt worden war.

Die Situation in der neuen Unterkunft ist alles andere als zufriedenstellend. Laut Aussagen der Bewohner_innen ist die Miete drei Mal höher als für vergleichbare Wohnungen im selben Viertel. Zum Vergleich: Momentan belaufen sich die Mieten in der Unterkunft auf 10.500 bis 14.500 Kronen für eine Zwei-Zimmer-Wohnung (ca. 420 bis 720 Euro), die in benachbarten Häusern desselben Viertels 5000 Kronen kosten würde. Diese hohen Mieten werden bei Empfängern von Sozialhilfe nur zur Hälfte von staatlicher Seite übernommen, während die andere Hälfte selber gezahlt werden muss, was i.d.R. von Nahrungsmittelgeldern bestritten wird. Den Bewohnern steht nicht dauerhaft Warmwasser zur Verfügung; Elektroleitungen sind t.w. offen und aufgrund der Gefahr von Kabelbränden auch gefährlich für die Anwohner. Die Firma CPI, welcher dieses Gebäude gehört, wollte die Unterkunft aufgrund des schlechten Zustandes der Stromleitungen bereits zum 17.12. schließen, was nun jedoch voraussichtlich auf den 13.1.2013 verschoben wurde.

(1) Originaltext: Do této lokality se již více než deset let soustředí chudé, dlouhodobě nezaměstnané a především romské obyvatelstvo. Předlice jsou mezi Obyvateli Ústí známé jako problémová lokalita, které je lepší se vyhnout, nepohybovat se zde přes den natož v noci. Vysoká koncentrace sociálně vyloučených osob s sebou přináší růst a projevy dalších negativních jevů, jako jsou krádeže, lichva, drogy, prostituce.(Quelle: Svaz měst a obcí České republiky, 1. Přehled sociálně vyloučených lokalit ve městě Ústí nad Labem)

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5 Kommentare

  1. Soli-Besetzung in Ústí nad Labem (CZ) – Diskriminierung von Roma auf allen Ebenen abschaffen! : Juliane Nagel · · Antwort
  2. […] die laut Autor u.a. durch die Unterbringung der Leute aus den abgewohnten Häusern im Stadtteil Předlice bekannt wurde. Befragt wurden Vertreter der Firma CPI, welche dieses Objekt unterhält. Berichtet […]

  3. […] im November bereits ein Haus im Stadtviertel Předlice wegen Baufälligkeit geräumt wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Bewohner_innen der 20 […]

  4. […] hat für diesen Tag nicht nur ein Kinderprogramm organisiert, sondern hat im vor allem von Roma bewohnten Stadtteil Předlice mehrere Kundgebungen […]

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