Doly – Wie ein Ort zu einer Wüstung wurde

ALLGEMEINES

Doly (deutsch Neugründel oder Neugründl) ist eine Wüstung in Tschechien. Sie befindet sich Nordböhmen in der Nähe der beiden Orte Podsedice (dt. Podseditz) und Dlažkovice (dt. Dlaschkowitz) im heutigen okres Litoměřice (deutsch Bezirk Leitmeritz) in der Tschechischen Republik. Der Begriff leitet sich vermutlich aus der Lage des Ortes unterhalb von Podsedice ab (tschechisch dole, deutsch unten), dessen Kataster die Gemeinde zugeordnet ist.

Militärische Karte des Ortes und seiner Umgebung

LAGE

Doly befindet sich 230m ü.M. Südlich verläuft eine Straße der „dritten Ordnung“, welche die Orte Solany (dt. Sollan) und Lkáň (dt. Welkan) verbindet.
Koordinaten N 50° 27.252 E 013° 56.932

ENTSTEHUNG

Doly wurde im Jahr 17751 (dt. Neugründel) durch den Obersten Kanzler der habsburgischen Hofkanzlei Graf Karl Friedrich Hatzfeldt zu Gleichen gegründet. Dem war 1771 ein Besuch von Kaiser Josef II. in Podsedice und Dlažkovice vorrausgegangen. Der Kaiser empfahl dem Grafen, der verarmte Gegend durch Edelsteinabbau zu helfen. Daraufhin wurde zunächst in Podsedice eine Schleiferei für den Halbedelstein Granat eingerichtet.

EINWOHNERENTWICKLUNG

Jahr

Anzahl Häuser

Anzahl Bewohner

1775

9

nicht erfasst

1825

9

36

Um 1833

9

392

19. Jhd.

nicht erfasst

283

1930

8

33

1942

nicht erfasst

6 Familien (6 Kinder < 18 Jahre)

Militärische Aufnahme aus dem Jahr 1952

STRUKTUR DES ORTES

In den 1930er Jahren bestand der Hauptkern von Doly aus insgesamt neun Häusern (siehe Luftaufnahme). Der kleine Ort verfügte weder über eine Stromleitung noch über eine direkte Wasserquelle. Trinkwasser beschafften sich die Bewohner aus einem zweihundert Meter entfernten Schöpfbrunnen. Die Bewohner waren in der Regel in der Landwirtschaft beschäftigt. Neben der Landwirtschaft betrieb man zum Lebensunterhalt auch Viehzucht. Als Nebentätigkeit hielt sich bis in die Neuzeit die s.g. Granatwäsche.In dem kleinen Dorf gab es keine eigene Schule, weshalb die Kinder gemeinsam mit den Schülern aus Podsedice in Dlažkovice zur Schule gingen.

WEITERE GEBÄUDE

I Podhrázský-Mlýn/Dolský Mlýn (dt. Unterdammmühle/Grundmühle)

Die Mühle (siehe abgebildete Karte) lag unweit von Doly am Bach Rosovká und wurde 1789 durch den Grafen Schönborn errichtet. Im Jahr 1938 wurde die Mühle von den deutschen Okkupanten besetzt und 1941 wurde schließlich der Mühlenbetrieb eingestellt. Mit der Vertreibung 1942 fand die Familie Klupák aus Doly Unterkunft in der Mühle. Im Gegensatz zum Hauptdorf verfügte die Mühle über einen Stromanschluss. Nachdem die Mühle 1948 beschlagnahmt wurde, trug man sie schließlich 1969 vollständig ab.

II Jägerhaus (auch Gasthaus)

Das s.g. Jägerhaus befand sich in der Nähe der Podhrázský-Mühle und wurde 1848 durch den Grafen Hugo Damian Erwin von Schönborn gebaut. Es enthielt zwei Wohnungen, hatte die Hausnummer 10 und wurde schließlich 1969 in eine Scheune umgebaut. Diese Scheune steht heutzutage ebenfalls nicht mehr.

III Flugplatz am Feldpfad

Im Jahr 1932 wurde ein kleiner Start- und Landeplatz für leichte Flugzeuge in der Nähe von Doly eingerichtet. Bei einer Flugschau am 14. Aug. 1932 kam es hierbei zu einem Unfall bei der ein Flugzeug abstürzte.

GESCHICHTE

I Die Grenzziehung nach dem 20.11.1938

Am 30. Mai 1940 erfolgte die s.g. „Nachprüfung der vorläufig abgesteckten Grenze“. Festgelegt wurde dies schon in der „Anweisung für die Vermarkung und katastermäßige Einmessung der innerdeutschen Grenze des Protektorats Böhmen und Mähren vom 9. September 1939“.
Der Grenzverlauf innerhalb der Karten zeigt Abweichungen zum tatsächlichen Grenzverlauf auf, da Auspflockungen zum Teil verändert wurden und der Stand der Katasterkarten der ersten Auspflockung entspricht.

Die „Berliner Linie“4 legte zur Begradigung eine provisorische Grenze fest. Dieser Grenzverlauf sollte sich nach den nächstgelegenen Besitzstandsgrenzen richten.
Die schließlich gültige Grenzziehung zwischen dem DR und der damaligen Tschechoslowakei beeinflusste das Alltagsleben der Einwohner von Doly massiv. So wurden ursprüngliche Versorgungswege gekappt, ebenso problematisch wurden auch Schulbesuche.

II Liquidierung des Ortes / Aussiedlung der Bewohner

Im August 1942 wurden die Bewohner von Doly mit Gewalt ausgesiedelt. Daran waren Wehrmachtsangehörige/ Gestapo beteiligt, welche unter Androhung von Waffengewalt die Umsiedlung der Anwohner in andere tschechische Ortschaften kontrollierten. Die Aussiedlung wurde zunächst schriftlich angekündigt.5 Der Konfiszierung eines großen Teils der Nutztiere6 durch die nationalsozialistischen Okkupanten stand die Solidarität einzelner Podsedicer Tschechen gegenüber. Diese machten es den ehemaligen Bewohnern von Doly möglich, in der Nacht kleine Teile des Hab und Guts in die benachbarte Mühle zu schaffen. Einen wesentlichen Anteil an der Liquidierung des Ortes hatte auch die deutsche Mehrheit aus Podsedice. Nachdem Doly geräumt war, zerstörten die Deutschen aus Podsedice die verbleibenden Gebäude. Man trug Steine der Häuser ab um sie für den eigenen Häuserbau zu verwenden, später nutzten Verbände der Hitlerjugend die ramponierten Häuser für Schießübungen, verbrannten die Dielen und Fensterrahmen und zerstörten die Häuser schließlich ganz. Der Brunnen wurde mit Tiermist zugeschüttet.

III Gedenktafel

Im August 2003 wurde am Gemeindeamt in Podsedice eine bronzene Tafel angebracht, welche an Doly und seine ehemaligen Bewohner, die durch die deutschen Okkupanten vertrieben worden sind, erinnern soll. Gestiftet wurde die Tafel vom Besitzer der Parzelle, auf der sich Doly befindet, Zbyněk Marjanko.

IV Besondere Geschichte

Von einem Todesmarsch auf der Staatsstraße nach Most konnten Anfang 1945 drei polnische KZ Häftlinge fliehen, welche sich zunächst in den übrig gebliebenen Ruinen von Doly versteckten. Dort wurden sie schließlich vom ehemaligen Podhrázský-Mühlen Besitzer Jan Horký aufgefunden und mit Nahrungsmitteln versorgt, was für den Helfer selbst mit sehr großen Risiken verbunden war. Da sich der gesundheitliche Zustand der Zwangsarbeiter jedoch verschlimmerte, brachte man sie schließlich in einer nächtlichen Aktion in die Mühle. Das war mit einer großen Gefahr verbunden, da dafür der Grenzübertritt vom deutschen zum tschechischen Territorium nötig war. Insgesamt wurden die Flüchtlinge vom zehnten bis 28. April 1945 in Doly versteckt, bis zum Kriegsende in der Mühle. Bisher konnte jedoch nicht verifiziert werden, von welchem Todesmarsch die polnischen KZ Häftlinge geflohen sind.7

Bilder mit freundlicher Genehmigung von www.zanikleobce.cz

(1) Andere Quellen sprechen von 1773.
(2) Angabe in: Das Königreich Böhmen: statistisch-topographisch dargestellt, Band 1, Johann Gottfried Sommer, F.X.M. Zippe, 1833.
(3) Angabe in: zpravdoj venkova Seite 14, in: Patráková, Helena: Das Schicksal der Ortschaft Doly (Neugründel) im Kontext des zweiten Weltkriegs, Ústí nad Labem, 2009.
(4) Die Berliner Linie beinhaltet die Begradigung der Grenze bzw. das Vermeiden von s.g. Zipfeln im Grenzverlauf des Deutschen Reiches.
(5) Leider muss erwähnt werden, dass bis vor ein paar Jahren noch ein Original dieses Aussiedlungsdokumentes vorhanden war, dieses bei der Bereinigung eines Nachlasses jedoch vernichtet wurde. Vgl. dazu Patráková, Helena: Das Schicksal der Ortschaft Doly (Neugründel) im Kontext des zweiten Weltkriegs, Ústí nad Labem, 2009.
(6) Vgl. Patráková, Helena, 2009, Seite 30.
(7) Patráková, Helena: Das Schicksal der Ortschaft Doly (Neugründel) im Kontext des zweiten Weltkriegs, Ústí nad Labem, 2009, Seite 34 bis 36.
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